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Abschied mit Taschentuch

Tennis-Star Pete Sampras galt als gefühlsarm. Doch bei seinem Karriereende kann er vor 15 000 Zuschauern die Tränen nicht zurückhalten.

NEW YORK. Weil er sein Ziel mit solcher Präzision verfolgte, zielgerichtet und scheinbar gefühlsarm, war Pete Sampras nie richtig warm geworden mit den Massen und den Medien. Bis zu seinem Abschied. Als ihn ehemalige Weggefährten und Fans am ersten Tag der US Open im Arthur-Ashe-Stadion in New York noch einmal feierten, wurde der 32-Jährige von seinen Gefühlen überwältigt. Er heulte und winkte, winkte und heulte.

Boris Becker flog aus Deutschland ein, um sich scherzhaft über vergangene Schmach zu beschweren. "Das erste Mal trafen wir an einem kleinen Ort namens Wimbledon aufeinander", juxte Becker, "bevor du kamst, habe ich den Platz besessen. Er war mein Wohnzimmer - und du stahlst die Schlüssel."

Reden, Umarmungen und gute Wünsche gab es auch von Sampras' langjährigem Doppelpartner Jim Courier. Andre Agassi, der ungeliebte Dauerrivale, den Sampras vor einem Jahr an dieser Stelle im Finale nach einem Fünf-Satz-Krimi noch einmal bezwungen hatte, meldete sich via Großbildschirm: "Du bist der Beste, gegen den ich je gespielt habe." Als die Tränen Sampras endgültig im Griff hatten, rettete der Chef des US-Tennisverbandes, Allan Schwartz, die Situation, als er ein großes weißes Taschentuch aus seinem Anzug zauberte.

Schließlich verkündete der Gefeierte, mit einem schwarzen Anzug und einem dunkelgrauen Hemd ein bisschen gekleidet wie auf seiner eigenen Beerdigung, er habe seinen inneren Frieden gefunden: Nach 14 Grand Slam Titeln "höre ich auf, weil nichts übrig ist, was ich mir noch beweisen könnte. Ich bin nicht mehr mit dem Herzen dabei."

So langsam, wie die Lust am Tennis abklingt, so langsam schwinden auch die Rivalitäten. Ob er sich vorstellen könne, eines Tages etwa bei der Familie Agassi/Graf zum Dinner vorbeizuschauen? "Ja klar, warum nicht", antwortete Sampras, "Andre ist einer der nettesten Kerle da draußen. Vielleicht werden wir eines Tages Weihnachten zusammen feiern. So in fünf, zehn Jahren."

Ob sich die mangelnde Zuneigung des Publikums im nachhinein ändern könne, wurde er gefragt. "Wahrscheinlich wird die Wertschätzung der Leute im Laufe der Zeit größer werden", sagte Sampras, "sie ist es ja schon. Als ich Anfang zwanzig war, haben sie mich nicht besonders geschätzt. Aber als ich begann zu verlieren, habe ich mehr Fans bekommen."

Wie es nun weitergeht , darüber ist sich der 32-Jährige noch nicht im klaren. Eine Karriere als TV-Kommentator à la Becker und McEnroe kann er sich kaum vorstellen. Chef des Davis-Cup-Teams? "Wie ich höre, geht es da viel um Politik", sagte Sampras, "dazu fehlt mir im Augenblick die Energie." Somit bleibt zunächst die Rolle als Familienvater, vor neun Monaten kam Sohn Christian auf die Welt.

Er und Ehefrau Bridgette spielten während der Abschiedsfeier eine wichtige Rolle. Als Sampras mit tränenerstickter Stimme ins Mikrofon flüsterte, "ich liebe dich", entwich den 15 000 Zuschauern ein kollektiver Seufzer der Entzückung. Das Gefühl hielt an, als Sampras mit seinem Sohn eine Ehrenrunde drehte. Ein später, herzlicher Frieden.

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