Abschied mit Tränen
Die Deutschen trennen sich mühsam von der Mark

Wenn in Kassel dieses Jahr die Silvesterböller krachen, bekommt Bernd Niesel (58) Grund zur Nostalgie. Der Oberstabsfeldwebel a.D. und begeisterte Hobby-Historiker hütet in der Fritz-Erler-Kaserne ein besonderes Museum. An einem langen Eichentisch mit schlichten Holzstühlen wurden dort 1948 in einer siebenwöchigen Geheimklausur die Währungsgesetze für die D-Mark beschlossen.

dpa FRANKFURT/MAIN. Die ersten D-Markscheine der jungen Republik liegen in Vitrinen des Museums. Vom 1. Januar an sind sie mit dem Wechsel zum Euro als Zahlungsmittel nur noch Geschichte. "Natürlich fällt der Abschied nicht leicht. Die Mark hat für mich einen ideellen Wert. Mit ihr hat schließlich das Wirtschaftswunder begonnen", sagt Niesel. Mit seiner Wehmut steht er nicht allein. Trotz teurer Informationskampagnen wollen sich die Deutschen nicht recht mit dem neuen Zahlungsmittel anfreunden. Nach einer am Mittwoch (29.8.) veröffentlichten Umfrage der GfK-Marktforschung für "Focus-Money" begrüßt nur ein Drittel der Bevölkerung das neue Geld.

Das liegt nicht nur daran, dass mehr als drei Viertel der Deutschen mit der Umstellung Preiserhöhungen befürchten, wie die "Zeit" Mitte Juni in einer Umfrage herausfand. 43 % der Befragten fürchteten vor allem um die Stabilität der Mark, heißt es in der selben Umfrage. Dass die Währung unbedingt "hart" bleiben müsse, gehört nach zwei für manchen Sparer katastrophalen Währungsreformen 1923 und 1948 offensichtlich zum deutschen Grundkonsens. Unterschiedlich stabile Volkswirtschaften ließen sich nicht verzahnen, die Währungseinheit werde wieder auf Kosten derer gehen, die etwas besitzen, sorgen sich Bürger im Internet-Chat auf der vom Sparkassenverband und der Zeitschrift "DM" eingerichteten Seite "Euro-aktuell".

Die besondere Bindung der Deutschen an ihre D-Mark ist älter als die Bundesrepublik. Als am 20. Juni 1948 jeder Bürger 40 Reichsmark in Deutsche Mark umtauschen konnte, füllten sich schlagartig die Läden. Die Wirtschaft sprang an, mit ihr gewann die Nation neues Selbstbewusstsein. Die neue Verfassung kam erst knapp ein Jahr später. Der Gründungsmythos der Republik war kein politischer; er basierte auf dem "Wunder der Schaufenster", wie der "Spiegel" feststellte.

Kraftstrotzender Riese

Dass die D-Mark danach vom dünnen Nachkriegskind zum kraftstrotzenden Riesen der internationalen Finanzbühne und zur weltweiten Nummer zwei hinter dem Dollar heranwuchs, war anfangs keineswegs klar. In den ersten Jahren hatten die Preise kräftig angezogen und die D-Mark wurde im Verhältnis zum Dollar so stark abgewertet, dass der Dollarkurs von 3,33 auf 4,20 DM stieg. Erst seit 1952 folgte eine lange Phase des stabilen Geldes, 1958 betrat die D-Mark mit der unbeschränkten Umtauschbarkeit auch die internationale Bühne. Die unabhängige Bundesbank begleitete sie schon damals mit einer strikten, auf Stabilität bedachten Währungspolitik.

Zum 50. Geburtstag der Währung 1998 hatte die Mark immer noch rund ein Viertel ihrer Kaufkraft aus dem Jahr 1948, während die italienische Lira im selben Zeitraum auf rund vier Prozent und der französische Franc auf etwa sechs Prozent abgerutscht waren. Daran konnte sogar der beispiellose Kraftakt der D-Mark-Einführung im Juli 1990 in Ostdeutschland nichts ändern, von der die Frankfurter Währungshüter abgeraten hatten. Heute gehören vor allem die Ostdeutschen zu den Euroskeptikern, wie der hessische Sparkassen- und Giroverband berichtet: Ein erneuter Währungswechsel nach gerade zehn Jahren weckt offenbar neue Ängste.

Gut 2000 Tonnen D-Mark-Scheine müssen im nächsten Jahr in den Shreddern der Landeszentralbanken vernichtet werden, wenn die D-Mark sich mit einer zweimonatigen Übergangsfrist für den Einzelhandel endgültig verabschiedet. Deutschlands Lederwarenproduzenten haben dann längst profitiert. Schon im vergangenen Jahr wuchs ihr Umsatz dank neuer, größerer Portemonnaies um ein Viertel, wie Hans Dieter Klooss vom Bundesverband Lederwaren und Kunststofferzeugnisse in Frankfurt erklärt: Geldbeutel für die zum Teil größeren Euro-Scheine brauchten mindestens 82 Millimeter. Viele Deutsche seien schon umgestiegen.

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