Abschied nehmen vom Lebenswerk
Heiner Kamps kann Bitterkeit nicht verbergen

"Ich sehe die Übernahme nicht als Niederlage." Als Europas größter Bäcker Heiner Kamps am Dienstag auf der Hauptversammlung der Kamps AG den Aktionären die Annahme des freundlichen Übernahmeangebots des weltgrößten Nudelherstellers Barilla empfiehlt, sagt er diesen Satz nicht nur ein Mal. Er sagt ihn vier Mal, fünf Mal - mit belegter Stimme. Bis es klingt wie eine Selbstbeschwörung.

ap DÜSSELDORF. Tatsächlich muss Kamps Abschied nehmen von seinem Lebenswerk. Zwar bleibt er auch nach der nun wohl sicheren Übernahme des Backriesens durch den Nudelkonzern aus Parma Vorstandschef. Doch wird er nach den in den frühen Morgenstunden des Dienstag getroffenen Vereinbarungen die 5,5 % Aktien, die er noch am Unternehmen besitzt an Barilla verkaufen. Als Trostpflaster dürften mehr als 50 Mill. Euro in die Kassen des Unternehmers fließen.

Der gelernte Bäcker Heiner Kamps hatte die Kamps AG Ende der 90-er Jahre in einem geradezu atemberaubenden Parforceritt von einer regionalen Backstube zu Europas größtem Bäcker gemacht. Nach dem Börsengang des Unternehmens 1998 kaufte Kamps reihenweise Konkurrenten auf und verzehnfachte binnen kürzester Zeit den Umsatz auf 1,7 Mrd. Euro. Auch die Kursentwicklung glich zeitweise eher der eines Internet-Startups. Innerhalb von nur 15 Monaten kletterte der Kurs um 766 % - von sechs auf 46 Euro je Aktie. Doch mit den Übernahmen kamen die Schulden und mit den Schulden bröckelte der Mythos Kamps. Praktisch über Nacht war in den Zeitungen und bei den Analysten nicht mehr vom "Goldbäcker" die Rede, sondern vom "Brezelbäcker im Börsenstrudel". Der Aktienkurs brach zeitweise auf vier Euro ein, weniger als ein Zehntel des Höchststandes. Das erst machte den Backriesen für Übernahmen verwundbar.

"In Deutschland sind Unternehmer nicht mehr gefragt"

Kamps kann seine Erbitterung darüber nur mühsam zügeln. Banken, Analysten und Medien hätten Kamps in den letzten Jahren als Unternehmen dargestellt, "das in die Schuldenfalle getappt ist." Dabei habe das Unternehmen immer Geld verdient, kritisiert er die Finanzwelt. "Wenn ich einen Fehler gemacht habe, dann den, dass ich ein Unternehmer bin. In Deutschland sind Unternehmer nicht mehr gefragt. Der Kapitalmarkt hat mir das Vertrauen entzogen", sagte der Manager.

Noch in der vergangenen Woche hatte Kamps offenbar versucht, der Umarmung durch die Italiener zu entgehen. Er habe mit möglichen "weißen Rittern" gesprochen, also mit Unternehmern, die ein Gegenangebot hätten abgeben können. Doch die Gesprächspartner seien nur an Teilen des Unternehmens interessiert gewesen, berichtet er. Und Kamps sprach mit den großen Anteilseigner: institutionellen Anlegern und Hedge Fonds. Die Erkenntnis daraus war für ihn offensichtlich ernüchternd. "Die Aussicht, unabhängig zu bleiben, war nicht gegeben", fasst Kamps zusammen. Auch deshalb sei er nicht bereit gewesen, Millionen für eine sinnlose Abwehrschlacht zu verpulvern.

"Vielleicht erfinden wir das Spaghetti-Brötchen"

Barilla sei ein idealer strategischer Partner, sagt Kamps und bemüht sich um Lockerheit: "Vielleicht erfinden wir das Spaghetti-Brötchen." Doch dem Selfmademan ist dabei wohl bewusst, dass sich für ihn einiges ändern wird. Er ist nicht mehr der Herr im eigenen Hause. Über seinen künftigen Chef, Barilla-Chairman Guido Barilla, sagt er, das Verhältnis sei gut. Und fügt dann noch hinzu: "Er ist der Philosoph, ich habe die Backstube gefegt."

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