Abschied vom Neuen Markt
Radikalkur für den Aktienmarkt

Der Neue Markt ist tot. Einem beispiellosen Höhenflug folgte der jähe Absturz - und das alles innerhalb von nur fünf Jahren. Jetzt sollen neue Börsensegmente retten, was noch zu retten ist.

HB/cra/cn/mab/scc/nac FRANKFURT/M. Die Deutsche Börse AG plant einen radikalen Umbau der Aktienmarktsegmente und löst den Neuen Markt auf. Damit wird das erst im März 1997 für Wachstumswerte gegründete Segment, das zuletzt stark von Skandalen und Insolvenzen belastet war, nach gut fünf Jahren wieder abgeschafft. In Zukunft wird es ein mit hohen Zugangsvoraussetzungen ausgestattetes Segment "Prime Standard" und darunter einen "Domestic Standard" geben, teilte die Börse am Donnerstag mit. Mit der Neuregelung werde man für den "Prime Standard" die höchsten Transparenzanforderungen in Europa etablieren und so die Positionierung der Firmen bei internationalen Investoren erleichtern.

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Marktteilnehmer, Unternehmen und Investoren beurteilen den Schritt der Deutschen Börse AG überwiegend kritisch. Aktionärsschützern und Unternehmen gehen die Neuerungen nicht weit genug. Die Schutzgemeinschaft der Kleinaktionäre (SdK) sprach von Augenwischerei. "Es sieht so aus, als ob nur Kosmetik betrieben wird und sich sonst aber nichts ändert", sagte SdK-Chef Klaus Schneider. Ähnlich äußerten sich Unternehmer: "Das alles ist ein Eingeständnis, dass Deutschland kein Innovationsland ist", erklärte August-Wilhelm Scheer, Gründer und Aufsichtsratschef der IDS Scheer AG, die am Neuen Markt notiert ist. Das Hauptproblem des Segments könne nicht durch neue Etiketten gelöst werden.

Kritik kam auch von Analysten, die den Neuen Markt beobachten: "Kein Unternehmen bringt durch eine Umbenennung des Neuen Marktes bessere Zahlen", sagte Thomas M. Becker von HSBC. In der jetzigen Baisse bringe die Umstrukturierung zusätzliche Unruhe in die Märkte.

Erhebliche Einnahmeeinbußen für Banken

Für die Banken bedeutet der Schritt der Börse unter Umständen erhebliche Einnahmeeinbußen: Bislang musste jedes Unternehmen am Neuen Markt zwei so genannte "Designated Sponsors" aufweisen. In der Regel waren das Banken, die den fortlaufenden Handel garantierten und regelmäßig Analysen über die Gesellschaft veröffentlichten. Für diese Leistung erhielten die Institute einen jährlichen Betrag zwischen 40 000 und 60 000 Euro. Diese regelmäßigen Einnahmen könnten in dem neuen System zum Teil wegfallen.

Große Umstellungen müssen die Banken auch bei Optionsscheinen und Zertifikaten fürchten. Zahlreiche Produkte haben das ehemalige Lieblingssegment der Kleinanleger als Grundlage, zum Beispiel Index-Zertifikate auf den Nemax 50. Die Banken entwickeln daher fieberhaft Pläne, was bei einem Wegfall des Segments mit den Produkten geschehen soll. "Unter Umständen müssen wir den Nemax selber berechnen, da wir die Produkte nicht so schnell kündigen können", sagte Derivate-Experte Thorsten Michalik von der Deutschen Bank.

Ausland nimmt Ende des Neuen Marktes gelassen

Im Ausland wurde die Nachricht vom Aus des Neuen Marktes gelassen aufgenommen. In Italien hieß es, der "Nuovo Mercato" sei nicht gefährdet, da das Segment im Gegensatz zu seinem deutschen Pendant von Pleiten und Skandalen weitestgehend verschont geblieben sei. An der Londoner Börse reagierte man wenig überrascht: "Angesichts der Situation kommt das nicht unerwartet", sagte LSE-Sprecher Ian Campbell. Die Schwierigkeiten an den Märkten seien schließlich bekannt. Ein ähnliches Schicksal stünde den Technologiesegmenten an der Londoner Börse aber nicht bevor.

Auch bei der Euronext S.A. in Paris sieht man die eigene Strategie durch das Scheitern des Neuen Marktes bestätigt. "Wir haben bereits Anfang des Jahres zwei neue Segmente innerhalb des Nouveau Marché geschaffen: NextEconomy und NextPrime. Unternehmen, die ihnen beitreten wollen, verpflichten sich freiwillig, die Investoren öfter und bereitwilliger zu informieren", sagte Xavier Leroy von Euronext dem Handelsblatt.

Quelle: Handelsblatt

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