Abstiegsangst in Leverkusen
Toppmöller geht, der Spuk bleibt

Als Nachfolger sind Otto Rehhagel, Jürgen Röber und Falko Götz im Gespräch, doch vorerst sitzt Thomas Hörster allein auf der Trainerbank. Kritiker werfen Manager Reiner Calmund Mitschuld vor.

LEVERKUSEN. Ganz spät abends, als die Fernsehkameras aus waren, sprach Reiner Calmund von seiner Bettdecke. Der Geschäftsführer von Bayer Leverkusen erzählte von dem Abstiegsgespenst, das ihn seit Wochen verfolgt, ihn begleitet in sein Wohnzimmer und später ins Schlafzimmer, obwohl er doch gar nicht darum gebeten hatte. Am liebsten, sagte er nach der 1:2-Niederlage gegen Rostock, würde er deshalb gar nicht mehr nach Hause, sondern in seinem Büro in der BayArena übernachten. Und weil dieser Spuk gar kein Ende mehr nehmen wollte, zog Calmund gestern die Reißleine. Klaus Toppmöller ist "als Konsequenz aus der langen Negativserie und der akuten Abstiegsgefahr" nicht mehr Trainer bei Bayer 04 Leverkusen.

Nachdem es am Samstag noch hieß, man müsse über eine Entscheidung für oder wider den Trainer eine Nacht schlafen, folgte am gestrigen Sonntag ein eineinhalbstündiges Gespräch, an dessen Ende die Entlassung von Klaus Toppmöller stand. "Wir konnten keine Sekunde mehr warten", sagte Calmund. "Es geht darum, ein Zeichen zu setzen, damit die verschüttete Qualität der Mannschaft zurückkommt."

Am Dienstag im Champions-League-Spiel gegen Newcastle wird der bisherige Trainer der Regionalligamannschaft, Thomas Hörster, auf der Bank sitzen. Reiner Calmund hatte den ehemaligen Nationalspieler, der schon seit 25 Jahren für Bayer Leverkusen tätig ist, gestern Morgen vor dem Gespräch mit Toppmöller gefragt, ob er das Traineramt vorläufig übernehme. Zudem sei die Chance laut Calmund "sehr groß", dass Hörster auch beim nächsten Bundesligaspiel gegen Hannover auf der Bank sitzt.

Es scheint, als spiele Reiner Calmund auf Zeit. Er hat sich nun mit der Zwischenlösung Hörster, den er als "guten Taktiker und erstklassigen Trainer" bezeichnet, den Spielraum verschafft, den er in der Trainerfrage braucht. Laut Gerüchten soll eine Doppellösung präferiert werden, gegebenenfalls mit Otto Rehhagel, derzeit noch Trainer der griechischen Nationalmannschaft, und Thomas Hörster. Auch die ehemaligen Hertha-Trainer Falko Götz und Jürgen Röber, werden genannt.

"Die Entlassung ist mir nicht einfach gefallen", sagte Calmund. Eventuell hat die persönliche Nähe zu Klaus Toppmöller den Blick des Geschäftsführers etwas getrübt. Immer wieder verwies Calmund auf die großen Erfolge Toppmöllers in der vergangenen Saison, in der Leverkusen nur knapp am Meistertitel, dem DFB-Pokal-Sieg und dem Gewinn der Champions League scheiterte. Toppmöller sei ein "Fußballfachmann", und es gehe gar nicht darum, ob er Schuld sei an der Talfahrt. Der Trainer sei aber nun einmal der Hauptverantwortliche.

Nach fünf Niederlagen in Folge, sieben verlorenen Heimspielen und gerade einmal 20 Punkten nach 21 Spielen war der Manager zum Handeln verpflichtet. Vielleicht hätte er schon vor Wochen aktiv werden sollen. "Ich muss mit dem Vorwurf leben, dass ich zu lange gewartet habe." Kritiker werfen dem Geschäftsführer zudem vor, er sei für die Fehleinkäufe Simak und Franca und damit an der derzeitigen Situation mit verantwortlich.

Am Samstag offenbarte sich die gesamte Malaise von Bayer Leverkusen ein weiteres Mal, allerdings in einer extremen Form. Leidenschaftslos, geprägt von fehlendem Mut und tiefer Unsicherheit zeigte die Mannschaft eine der schlechtesten Leistungen der vergangenen Jahre und spielte wie ein Absteiger. Bei den beiden Rostocker Treffern von Bachirou Salou zum 0:1 (35.) und 1:2 (41.) - den Ausgleich für Leverkusen erzielte der gute Marko Babic (39.) - verhielten sich all die Leverkusener Nationalspieler, als seien sie Teilnehmer einer Altherren-Skatpartie. Zuerst ließ der brasilianische Neuzugang Cris den Torschützen Salou davonlaufen. Anschließend stellte sich Carsten Ramelow so dämlich an, dass er später vom eigenen Publikum ausgepfiffen und ausgewechselt wurde.

"Wenn man sogar die Nationalspieler nicht wiedererkennt, dann machen wir uns schon Sorgen", hatte Reiner Calmund nach dem Spiel gesagt. Klaus Toppmöller wird nun eine Abfindung in Höhe von sechs Monatsgehältern erhalten, etwa 1,25 Millionen Euro. Aber ob dies die Abstiegsgespenster verscheucht, bleibt fragwürdig.

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