Abstimmung noch völlig offen
Schicksalstag für Hewlett-Packard

Morgen entscheiden die Aktionäre von Hewlett-Packard über die geplante Fusion mit dem Konkurrenten Compaq. Marktbeobachter erwarten ein sehr knappes Ergebnis. Sicher ist nur, dass das komplizierte Wahlverfahren die Bekanntgabe verzögern wird. Sollte die Fusion scheitern, will Compaq allein weitermachen.

SAN FRANCISCO. Es wird ein heißes Kopf-an-Kopf-Rennen werden. Wenn die Aktionäre des Computerherstellers Hewlett-Packard (HP) Co. am Dienstag im Flint Center im kalifornischen Cupertino über die geplante Übernahme des Konkurrenten Compaq Computer Corp. abstimmen, neigt sich ein Machtkampf dem Ende, der Investoren und Mitarbeiter fast ein halbes Jahr lang in Atem gehalten hat.

Der Ausgang ist noch völlig offen. Niemand kann voraussagen, ob die HP-Chefin Carleton Fiorina, die fast den gesamten Aufsichtsrat und die einflussreiche Finanzberatung ISS hinter sich hat, die Mehrheit der 900 000 Aktionäre auf ihre Seite ziehen kann. Schließlich stehen ihr die mächtigen Gründerfamilien Hewlett und Packard, deren Stiftungen sowie eine ganze Reihe institutioneller Investoren gegenüber, die versuchen, den geplanten Zusammenschluss zu verhindern.

Bisher haben sich rund 8 % der Aktionäre für die Übernahme ausgesprochen; etwa 22 % werden dagegen stimmen (siehe Grafik). "Die Entscheidung wird ganz knapp ausfallen", prognostiziert Ed Soule, Wirtschaftsprofessor an der Georgetown University in Washington. Das erwartet auch Martin Reynolds, Analyst beim Marktforschungsunternehmen Gartner: "Doch die Chancen für die Fusion stehen jetzt besser als noch vor einigen Wochen." Die Anstrengungen Fiorinas und des 900 Mann starken Integrationsteams, das die Fusion der Unternehmen vorbereitet, hätten sich bezahlt gemacht.

Allerdings fällt es auch Experten schwer, eindeutig zu sagen, ob Fiorina oder Walter Hewlett die besseren Argumente und Prognosen auf ihrer Seite haben. Für jedes positive Gutachten gab es ein Gegenstück mit negativem Szenario. "Vieles ist einfach auf die Zukunft gerichtete Spekulation", sagt Carlie Wolf, Analyst beim Investmenthaus Needham & Co., das gegen die Fusion stimmen wird. "Für den durchschnittlichen Investor sind die Argumente nur schwer nachzuvollziehen."

Wegen des manuellen Wahlverfahrens - weiße Zettel für und grüne Zettel gegen die Fusion - rechnen Experten damit, dass es einige Tage bis zu zwei Wochen dauern wird, bis die Stimmen ausgezählt sind. Durch Briefwahl und die Möglichkeit, mehrere Stimmzettel einzuschicken - gültig ist der letzte vor dem Stichtag - wird die Abstimmung noch komplizierter. Schon jetzt reden Experten von Zuständen, die an die Präsidentschaftswahl in Florida erinnern.

Schlimmer noch: Das Wahlverfahren und die millionenschwere Anzeigenschlacht im Vorfeld fordern gerichtliche Klagen gerade zu heraus. Eine Aktionärsklage gegen HP gibt es schon, weitere werden wohl folgen. Zwar wollen sich beide Seiten nicht dazu äußern, ob sie nach der Auszählung vor Gericht ziehen wollen, doch Experten wie Professor Soule halten das für durchaus möglich. "Die Schwierigkeit wird sein, wirklich nachzuweisen, dass die Gegenseite unverantwortlich gehandelt hat", sagt er.

Egal wie die Wahl ausgeht, bisher hat die Fusionsschlacht den Wert beider Unternehmen deutlich gemindert. Die Marktkapitalisierung von HP sank seit der Bekanntgabe der Pläne am 3. September 2001 um mehr als 1,95 Mrd. $, Compaq verlor mehr als 1,08 Mrd. $. Der Wert der Übernahme ist von 25 Mrd. $ auf 21 Mrd. $ gesunken. "Die Schlacht um die Übernahme war sehr schädlich", sagt Soule. "Das Management war völlig abgelenkt vom täglichen Geschäft, und wenn die Fusion durchgeht, wird sie noch lange mit Skepsis beäugt werden."

Konkurrenten wie Sun Microsystems Inc. und IBM Corp. versuchen derweil, die Verwirrung der Kunden auszunutzen und auf Kosten von HP und Compaq Marktanteile zu gewinnen. Mit einigem Erfolg: So gab der Nahrungsmittelkonzern Nestlé - bisher HP-Kunde - kürzlich bekannt, er werde Hard- und Software im Wert von 500 Mill. $ von IBM kaufen.

Als fast sicher gilt, dass Fiorina zurücktreten muss, wenn die Aktionäre die Fusion ablehnen. Gerüchte um einen möglichen Nachfolger machen längst die Runde. Experten halten es für wenig wahrscheinlich, dass der ehemalige Vorstandschef, Lew Platt, zurückgeholt wird. Ein ehemaliger HP-Manager hält den gerade zurückgetretenen Agilent-Vorstand Alain Couder für den aussichtsreichsten Kandidaten. "Couder hat die richtigen Qualifikationen für den Job", kommentiert Gartner-Analyst Reynolds das Gerücht. Besonders Couders Erfahrungen aus dem operativen Geschäft mitbringt könnten hilfreich sein - ein Bereich, der nicht als Fiorinas Stärke gilt.

Todd Glass, Sprecher von Walter Hewlett, wollte die Gerüchte um den möglichen Nachfolger für Fiorina nicht bestätigen. "Das sind alles Spekulationen", sagt er. "Wir konzentrieren uns jetzt darauf, die Abstimmung zu gewinnen, alles andere werden wir später diskutieren."

Compaq kündigte an, nicht nach einem Käufer zu suchen, wenn die Fusion platzt, sondern selbstständig weiter zu operieren. Die Aktionäre des Konzerns werden am Mittwoch abstimmen.

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