Absturz der T-Aktie
Kommentar: Nie wieder Volksaktien

Am 7. Juli 1960 schrieb das Handelsblatt: "VW-Aktien als Weihnachtsgeschenk." 60 Prozent des Kapitals wurden an den Markt gebracht. Politiker und Arbeitnehmervertreter stritten um den Ausgabekurs, und schließlich gab es Sozialrabatte von bis zu 20 Prozent. Volkswagen wurde zur "Volksaktie", die Hauptversammlungen später zu Volksfesten.

DÜSSELDORF. Manche VW-Aktie schlummert noch seit der damaligen Zeit im Depot. Mancher Aktionär erinnert sich vielleicht noch, wie das Papier zum Höhenflug ansetzte, um später ebenso beeindruckend wieder einzubrechen.

Schon der Prediger Salomo wusste: "Es geschieht nichts Neues unter der Sonne, alles ist schon einmal da gewesen." Mit der Deutschen Telekom, die 1996 privatisiert wurde, bekamen die Deutschen wieder eine "Volksaktie" in die Hand. Eine ganz neue Aktienkultur sollte daraus erwachsen, die Bürger sollten endlich den Kapitalmarkt entdecken, damit reich und glücklich werden und zugleich den Unternehmen eine reichlich sprudelnde Eigenkapitalquelle eröffnen. Wer die T-Aktie ohne Euphorie betrachtete, galt schon als Spielverderber. Von den Banken saßen ohnehin die meisten im Konsortium und waren daher befangen.

Jetzt ist alles vorbei. Die T-Aktionäre der ersten Stunde sind ungefähr so reich, als wenn sie ihr Geld in den Strumpf gesteckt hätten. Aber nur, wenn sie keine Kapitalerhöhung mitgemacht haben - sonst sieht es noch schlechter aus. Ein gutes Geschäft war die neue Volksaktie nur für den Staat. Vor allem, weil er der Telekom völlig überteuert die Mobilfunklizenzen für den UMTS-Standard verkaufen konnte. Zugegeben: Das lief marktwirtschaftlich im Rahmen einer Auktion ab, zudem nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa. Trotzdem bleibt ein übler Nachgeschmack. Man stelle sich nur vor, ein privater Großkonzern (statt des Staates) würde einer Tochtergesellschaft (der Telekom) eine Lizenz zu völlig überhöhtem Preis verkaufen. Käme da niemand auf die Idee, Schadensersatz zu fordern?

Die Psychologie der Volksaktie ist einfach: Was vom Staat kommt, denkt der Bürger, kann nicht ganz so schlecht sein. Die Realität sieht anders aus: Staatliche Unternehmen bergen sogar besonders hohe Risiken. Der Kurs der Volkswagen-Aktie leidet bis heute darunter, dass die Öffentliche Hand über 40 Jahre nach der Privatisierung immer noch die Finger im Getriebe hat.

Bei vielen Staatskonzernen - seien es Telekomgesellschaften, Versorger, Logistik- oder Verkehrsunternehmen - kommt eine besondere Problematik hinzu: Diese Branchen sind nicht zufällig lange in Staatsbesitz geblieben. Sondern der Hintergrund dafür war, dass sie aus rein technischen Gründen in sehr stark monopolartigen Märkten operieren. Diese werden dann künstlich, zum Beispiel durch den Zwang zu Durchleitungsrechten oder die Trennung von Schiene und Bahnbetrieb, für die Konkurrenz geöffnet. Und weil es eine künstliche Trennung ist, bleibt jede Menge Bedarf an politischer Regulierung, im Zweifel wird zusätzlich noch vor Gericht um "korrekte" Preise gestritten. Diese Monopolproblematik aber ist ein Zusatzrisiko.

Spricht das alles gegen die Aktie? Nein. Spricht es gegen die "Aktienkultur"? Kommt darauf an, was man darunter versteht. Wenn Aktienkultur heißt, dass viele Menschen sich mit der Börse beschäftigen und in vernünftigem Rahmen ihr Geld dort anlegen, ist nichts dagegen einzuwenden. Wenn diese "Kultur" heißt, dass diese Wertpapiere wie Waschmittel verkauft werden, ohne Hinweis auf Risiken und Nebenwirkungen, dann sollte man sie ganz schnell wieder vergessen. Spricht die Erfahrung gegen die "Volksaktie"? Ja, eindeutig. Wer auf privates Unternehmertum setzt, braucht keine "Volksaktie", um sein Geld anzulegen. Der Staat verdient keinen Vertrauensvorschuss.

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