Abtritt von Thomas Middelhoff
Analyse: Letztlich überfordert

An einen sonnigen Sonntagsnachmittag in Gütersloh wurde Thomas Middelhoff - Chef des Mediengiganten Bertelsmann - selbst für Insider völlig überraschend vom Aufsichtsrat gefeuert. Seinen Abtritt hatte sich der Herrscher über Europas größten Medienkonzern (nach Vivendi Universal) anderes vorgestellt.

HB DÜSSELDORF. Middelhoff wollte mit dem für 2005 anvisierten Börsengang sein Lebenswerk krönen. Daraus wird nun nichts mehr. Die Stimmung am ostwestfälischen Konzernsitz brodelte schon länger. Die Zustimmung für seinen radikalen Kurs ohne Rücksicht auf Verluste war in den letzten Monaten immer geringer. Jüngstes Beispiel war der angestrebte Verkauf der Fachverlagstochter Bertelsmann-Springer. Trotz schöner Gewinne passte sich nichts mehr in Konzept der künftigen Bertelsmann-Welt. Mitgeteilt wurde die außergewöhnliche Entscheidung über ein Zeitungsinterview. Die meisten Mitarbeiter fiel dazu nur noch Kopfschütteln ein. Auch mit dem Verkauf des Berliner Zeitungsgeschäftes gab Middelhoff seinen Widersacher neue Munition.

Middelhoff hat für Bertelsmann viel erreicht. Die enormen Umsatz- und Gewinnsteigerungen sprechen Bände. Doch sein Traum eines weltweiten Konzerns, der sich auf die Kraft der Massenmärkte - Fernsehen, Bücher, Zeitschriften, Musik und Internet - verlässt, geht so schnell nicht in Erfüllung. Offenbar glaubte Reinhard Mohn nicht mehr an die versprochenen Synergiewirkungen. Auch die Stimmung bei den Mitarbeitern kippte in den letzten Monaten gefährlich. Die jüngste Ankündigung des 49-jährigen, bald weitere 25 kleine und mittlere Firmen verkaufen zu wollen, sorgte für Besorgnis. Die Nervosität war in vielen Unternehmensteilen zu spüren, wie beispielsweise in der noch defizitären Direct Group, die nächstes Jahr schwarze Zahlen vorlegen will.

Middelhoffs Credo "Fix it, close it, sell it" verbunden mit einem geforderten Wachstum von drei bis vier Prozent, später von fünf bis sechs Prozent, setzt den Konzern offenbar zu stark unter Druck. Durch den Verkauf der Anteile an AOL sind Bertelsmann 6,75 Milliarden Dollar zugeflossen. Die letzte Rate von 2,8 Milliarden Dollar reichte gerade so aus, um die weltweit größte unabhängige Musikfirma Zomba vollständig zu übernehmen. Eine Anleihe von 1 Milliarden Euro, die Bertelsmann am internationalen Kapitalmarkt unterbringen wollte, wurde vom Markt nicht angenommen.

Middelhoffs Nachfolger Gunter Thielen muss in den Konzern mit über 20 Milliarden Euro Jahresumsatz wieder Ruhe bringen. Der als Integrationsfigur bei Bertelsmann geschätzte Thielen genießt das Vertrauen des Unternehmensgründer Reinhard Mohn und seiner Frau Liz. Der bisherige Chef der profitablen Bertelsmann-Tochter Arvato ist bereits seit mehr als zwei Jahrzehnten für den Gütersloher Medienriesen tätig. Eine schnelle Strategieänderung erwarten die wenigsten von ihm. Die Hinwendung zum Fernsehen, die Middelhoff forciert hatte, hat sich bisher trotz des schwierigen TV-Werbemarktes in Deutschland als viel versprechend herausgestellt. Zu großen Visionen und Investitionen wie in den neunziger Jahren hat heute keiner der Mediengiganten mehr Lust. Geld ist knapp geworden - selbst bei Bertelsmann.

Hans-Peter Siebenhaar ist Handelsblatt-Korrespondent in Wien und ist Autor der Kolumne „Medienkommissar“.
Hans-Peter Siebenhaar
Handelsblatt / Korrespondent für Österreich und Südosteuropa
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