Abwehrmaßnahmen sollten in Deutschland aber verbessert werden
Experten: Große Terror-Attacken mit Biowaffen höchst unwahrscheinlich

Trotz der Milzbrandfälle in den USA halten Experten eine großflächige Terror-Attacke mit Biowaffen für unwahrscheinlich. "Übertriebene Panikmache ist sicherlich unangemessen", meint der ABC-Waffen-Experte Oliver Thränert vom Deutschen Institut für Politik und Sicherheit Berlin.

dpa BERLIN/HAMBURG. "Dennoch wären verbesserte Schutzmaßnahmen in Deutschland sinnvoll." Bislang sei es allerdings - im Gegensatz zu Bombenangriffen und Flugzeugabstürzen - noch keiner Terrorgruppe gelungen, viele Menschen gleichzeitig mit Biowaffen zu töten.

Nach dem ersten Milzbrand-Toten reagieren die USA rasch auf jeden Verdacht: Die Fälle werden meist bereits erkannt, wenn die Milzbrandsporen auch nur in der Nase oder auf der Haut sitzen. Die Menschen erhalten Antibiotika, die einen Ausbruch der Krankheit verhindern. Diese Antibiotika gibt es auch in Deutschland, wo sich bislang jedoch jede vermeintliche Milzbrandattacke als Fehlalarm herausgestellt hat.

In der Vergangenheit habe es nur wenige Versuche von Terroristen gegeben, biologische Kampfstoffe einzusetzen, erläutert Thränert. So habe die japanischen Aum-Sekte Milzbrand vom Dach eines Gebäudes und über den Auspuff eines durch Tokio fahrenden Lastwagens verstreut. Es sei jedoch niemand zu Schaden gekommen - möglicherweise, weil es sich um abgeschwächte Stämme zur Herstellung von Milzbrand-Impfstoff gehandelt habe. Beunruhigend sei, dass die Aktivitäten zunächst unentdeckt blieben. Mit Giftgas-Anschlägen in der U-Bahn hatte die Sekte dagegen 1994 und 1995 insgesamt 19 Menschen getötet und Tausende verletzt.

1995 versuchte laut Thränert der rechtsradikale Amerikaner Larry Wayne Harris, Pesterreger zu bestellen. Der Versuch schlug fehl, Harris wurde verhaftet. Seither sei der Zugang zu Mikroorganismen- Sammlungen sehr erschwert. Nach Auskunft von Reinhard Kurth, Leiter des Robert Koch-Instituts in Berlin, wollten Rechtsradikale vor einigen Jahren Erreger bei seinem Institut bestellen. Das sei aber entdeckt worden, und seitdem würden Lieferadressen überprüft.

Das Risiko für den Einzelnen schätzen auch andere Experten als sehr gering ein. "Nach wie vor gilt, dass es derzeit in Deutschland wahrscheinlicher ist, vom Blitz getroffen zu werden als von einem Milzbrandbakterium", sagt Jan van Aken, Mitbegründer der Organisation "Sunshine Project" (Hamburg), die sich seit Jahren für die Ächtung von Biowaffen einsetzt.

Er hält die großflächige Verteilung der Bakterien für zu kompliziert, als dass Terroristen ein leichtes Spiel hätten. So habe die US-Armee in den 50er und 60er Jahren fast 20 Jahre daran geforscht, das Problem zu lösen und dieses Wissen sei nirgendwo frei verfügbar. «Deshalb können wir mit sehr großer Sicherheit annehmen, dass keine Terrorgruppe der Welt in der Lage ist, mehr als nur einzelne oder maximal einige Dutzend Menschen zu infizieren.»

Thränert verweist auf die theoretische Möglichkeit, dass sich Terroristen in verschiedenen Staaten mit Biowaffen eindecken könnten. Etwa ein Dutzend Staaten käme in Frage. So hatte die UdSSR ein großes B-Waffen-Programm. Was nach dem wirtschaftlichen Zusammenbruch aus den Forschern wurde, sei nicht immer bekannt. Die meisten Experten bezweifeln dennoch, dass aus diesem Programm Erreger in die Hände von Terroristen gelangt seien. Auch Thränert hält das Ausbringen der Erreger für die schwierigste Hürde. Um beispielsweise Trinkwasser zu kontaminieren, seien sehr große Mengen nötig. Die Erreger stürben darin rasch ab.

Eine Lücke sieht das Robert Koch-Institut bei der Impfstoffversorgung. Deutschland solle so rasch wie möglich Impfstoffe gegen entsprechende Erreger produzieren, fordert Kurth. In den 70er Jahren wurde die Pockenschutzimpfung wegen der Ausrottung des Erregers eingestellt. Pocken lagern offiziell nur noch in zwei Labors in den USA und Russland. Ob sie in die Hände von Terroristen gelangt sind, ist ungewiss. Bei einem Anschlag kann man jedoch den Erregern durch Impfen von Teilen der Bevölkerung den Verbreitungsweg abschneiden.

Denkbar sind auch Waffen aus Erregern von Ebola oder des Marburgfiebers. Die Erkrankten können jedoch gut isoliert und die größere Ausbreitung gestoppt werden, wie Ausbrüche in Afrika gezeigt haben. Eine künftige Gefahr sehen viele Experten in genetisch veränderten Erregern. Genetiker könnten Bakterien gegen Antibiotika resistent machen oder Viren so verändern, dass Impfstoffe nicht mehr wirken. Thränert und Kurth verweisen hingegen auch darauf, dass gerade die Gentechnik Chancen biete, schnell Gegenmittel zu entwickeln.

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