Abwehrraketen in Stellung gebracht
Die Welt gedenkt der Opfer vom 11. September

In Amerika sowie in nahezu allen Teilen der Welt wird am heutigen Mittwoch der mehr als 3 000 Opfer der Terroranschläge vom 11. September in New York, Washington und Pennsylvania gedacht. Neben der Würdigung der Toten und der Nothelfer steht in den USA ein Jahr danach die Besinnung auf Grundwerte wie Freiheit und Toleranz im Mittelpunkt vieler Veranstaltungen. Präsident George W. Bush will sich am späten Abend von New York aus mit einer Fernsehrede an die Nation wenden.

dpa NEW YORK. Die Gedenkzeremonien begannen unter höchsten Sicherheitsvorkehrungen. In New York sammelten sich schon kurz nach Mitternacht die Traditionskapellen von Feuerwehr und Polizei, um mit Dudelsäcken und Trommeln in einem Sternmarsch durch die Straßen der Acht-Millionen- Stadt auf Ground Zero zuzumarschieren. Dort wollten sie sich kurz nach Sonnenaufgang in der sieben Stockwerke tiefen Grube aufstellen, in der einst die Fundamente der 411 Meter hohen Zwillingstürme verankert waren.

Die Hauptveranstaltung an Ground Zero beginnt um 8.46 Uhr Ortszeit (14.46 MESZ) - in genau jener Minute, in der vor einem Jahr das erste Flugzeug in den Nordturm des World Trade Centers einschlug. Dort, wo bis vor einem Jahr die Zwillingstürme des World Trade Centers in den Himmel ragten, werden die Namen der mehr als 2 800 Opfer der Anschläge auf das WTC verlesen. Die Gedenkfeier endet 102 Minuten später zu jenem Zeitpunkt, als der zweite Zwillingsturm in sich zusammenstürzte und tausende Menschen unter sich begrub. Danach dürfen die Angehörigen der Opfer erstmals die Grube betreten und dort rote Rosen für ihre Lieben ablegen.

Anschließend wollen die Vertreter der 190 Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen bei einer Zeremonie im UN-Hauptquartier ihre Anteilnahme sowie die Entschlossenheit bekunden, gemeinsam gegen den Terrorismus vorzugehen. Zur Entzündung einer Ewigen Flamme und zur Wiedereinweihung der am 11. September im WTC beschädigten Skulptur "Sphäre" des deutschen Bildhauers Fritz Koenig als Mittelpunkt einer zeitweiligen Mahn- und Gedenkstätte im Battery Park werden Staats- und Regierungschefs aus aller Welt erwartet. Deutschland wird durch den Vizekanzler und Außenminister Joschka Fischer vertreten.

Luftabwehrraketen um das Pentagon stationiert

New Yorks Bürgermeister Michael Bloomberg appellierte an alle Bürger, den Tag in Gedanken an die schlimmen Verluste durch die Terroranschläge vor genau einem Jahr zu verbringen und sich anschließend der Zukunft zuzuwenden.

Die Veranstaltungen in den USA und einer Reihe weiterer Länder finden unter scharfen Sicherheitsvorkehrungen statt. Die US-Behörden erhöhten wenige Stunden vor dem Jahrestag die Alarmbereitschaft. Das Risiko eines neuen Anschlags werde als "hoch" eingeschätzt, hieß es.

Das Pentagon stationierte an strategischen Stellen in und um Washington Luftabwehrraketen. Es gebe keine besondere Bedrohung als Grund dafür. Vielmehr sei es "eine Vorsichtsmaßnahme, um die Radar- und Luftabwehrstellungen in der Hauptstadtregion zu verstärken", betonte das Pentagon am Dienstag in Washington.

Alarmstufe "Orange" in den USA

Zunächst war die Aktion nur als Übung geplant gewesen. Die Regierung hatte wegen des Jahrestages und Hinweisen auf mögliche Anschläge gegen amerikanische Einrichtungen im Ausland bereits die Alarmbereitschaft in den USA auf die zweithöchste Stufe erhöht.

Wo die Raketenstellungen sich befinden, wurde "aus Gründen der Sicherheit und Abschreckung" nicht mitgeteilt. Nach Medienberichten wurden bereits am Montag am Pentagon und auf mehreren Militärstützpunkten in der Hauptstadt Avenger-Systeme mit Stinger- Raketen stationiert. Die Aktion unter dem Namen "Edler Adler" steht im Zusammenhang mit einer Übung "Klarer Himmel 2". Dabei wird getestet, ob die Bodensysteme optimal mit Luftpatrouillen zusammenarbeiten.

Die Alarmbereitschaft in den USA wurde am Dienstag wegen "spezifischer Hinweise" auf mögliche Anschläge gegen US-Interessen in Übersee erhöht, teilte US-Justizminister John Ashcroft in Washington mit. In den USA selbst gilt erstmals die Alarmstufe "Orange" nach der im März eingeführten Farbskala des Justizministeriums. Besonders Besorgnis erregend sind nach Angaben Ashcrofts Hinweise auf mögliche Attacken in Südostasien und auf Selbstmordanschläge im Nahen Osten.

US-Vizepräsident Cheney an einem geheimen Ort

Die neue Alarmstufe bedeutet, dass die Sicherheitsbehörden weitere Vorsichtsmaßnahmen in Kraft setzen. Dazu gehört eine noch intensivere Bewachung aller geplanten öffentlichen Veranstaltungen. An den Flughäfen werden die Kontrollen verstärkt. Nach Medienberichten wurde auch die Küstenwache in erhöhte Alarmbereitschaft versetzt. Vize- Präsident Richard Cheney zog am Montagabend an einen "sicheren", geheim gehaltenen Ort um. Cheney soll die Regierungsgeschäfte übernehmen, falls Präsident George W. Bush etwas zustoßen sollte. Er hatte bereits die ersten Monate nach den Terroranschlägen an einem geheimen Ort verbracht. Eine Rede, die er am Dienstagabend halten wollte, sagte Cheney ab. Der Vize-Präsident war bereits am Montag an einen geheimen Ort gebracht worden. Er kehrte Dienstagmorgen kurz ins Präsidialamt zurück, um dann wieder verborgen zu werden. Wie lange der Vize-Präsident der Öffentlichkeit fern bleiben soll, wurde nicht mitgeteilt.

Die US-Geheimdienste haben nach Angaben Ashcrofts in den vergangenen Tagen eine intensive Kommunikation unter verdächtigen Terroristen und Sympathisanten aufgefangen, die an die Tage vor den Angriffen des 11. September vor einem Jahr erinnere. Es gebe keine gezielten Hinweise auf die Gefahr von Anschlägen in den USA selbst, sagte der Minister. Die Bürger sollten besonders wachsam sein, aber nichts an ihren Plänen ändern oder Veranstaltungen absagen.

Die Bedrohung gelte vor allem für Einrichtungen in Übersee. Eine wichtige Quelle der Warnungen sei "ein führendes El-Kaida-Mitglied", dessen Namen der Minister nicht nannte. Es soll sich nach Informationen des Nachrichtensenders CNN im Gewahrsam eines befreundeten Landes befinden. Nach Angaben des US- Außenministeriums wurden US-Botschaften und Konsulate in Malaysia, Indonesien, Bahrain, Vietnam, Kambodscha, Tadschikistan, Pakistan, Malawi und Abu Dhabi geschlossen.

Gedenkveranstaltungen auch in Deutschland

Auch in Deutschland wird der Opfer der Anschläge von vor einem Jahr mit Gottesdiensten, Mahnwachen und anderen Veranstaltungen gedacht. Zum ersten Jahrestag der Anschlagsserie in New York und Washington verstärkt der Bundesgrenzschutz in Berlin seine Kontrollen und Streifendienste an Flughäfen und auf Bahnhöfen. Zum zentralen ökumenischen Gottesdienst werden im Berliner Dom Bundespräsident Johannes Rau und Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) erwartet, außerdem Bundestagspräsident Wolfgang Thierse und der amerikanische Botschafter Daniel Coats.

Rau rief dazu auf, im Kampf gegen den Terror Entschlossenheit und Besonnenheit zugleich zu zeigen. Es sei darauf zu achten, "dass der Terrorismus unser Leben nicht dadurch zerstört, dass wir seinen Gesetzen folgen", sagte der Bundespräsident im Berliner InfoRadio. Ziel könne nicht sein, in einen Krieg der Kulturen oder der Religionen hineinzugeraten. Nach Raus Worten darf der Kampf gegen den Terrorismus und ein Krieg gegen den Irak nicht vermischt werden.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%