Abwesender Kandidat
Kommentar: Stoiber kneift

Eine wirklichkeitsgetreue Beschreibung der wirtschaftlichen Lage in Deutschland war von der Debatte im Bundestag nicht mehr zu erwarten. Der Wahlkampf fordert bereits seinen Tribut. So nutzten die Akteure die letzte Parlamentsrunde vor der Sommerpause, um sich auf den großen Schlagabtausch bis zum 22. September einzustimmen.

Gerhard Schröder polierte seine durchwachsene Bilanz durch gewagte Gegenüberstellungen auf: Da die rot-grünen Kennziffern bei Arbeitslosigkeit, Steuerbelastung oder Lohnnebenkosten nicht den richtigen Eigenglanz entfalten, wollte Schröder sie durch den Vergleich mit den letzten, noch schlechteren Wirtschaftsdaten der Regierung Kohl in ein etwas besseres Licht rücken - frei nach dem Motto: Neben dem Blinden ist der Einäugige König.

Diese defensive Methode mag aus Sicht des Kanzlers an einigen Stellen funktionieren. Die Flucht in den Vergleich mit Kohls Bilanz offenbart aber auch, wie sehr die Ansprüche der Regierung Schröder gesunken sind. Erstens haben SPD und Grüne mehr versprochen, als sie halten konnten. Zweitens ist Kohl 1998 ja gerade wegen jener mageren Bilanz abgewählt worden, deren geringfügige Verbesserung Schröder jetzt so stolz an seine Brust heftet.

Es wäre deshalb interessant gewesen, die Erwiderung des Herausforderers zu hören. Doch die blieb aus: Zum munteren Wortgefecht traten lediglich der Titelverteidiger an, sein grüner Vizekanzler sowie der kleine Kanzlerkandidat von der FDP. Der große Kandidat allerdings, also der richtige, echte, kantige und kompetente - der leider glänzte durch Abwesenheit.

Es ist schlicht blamabel, wenn Edmund Stoiber auf eine Regierungserklärung von Gerhard Schröder zur wirtschaftlichen Lage in Deutschland nicht persönlich antwortet. Schließlich geht es in diesem Wahlkampf in erster Linie um Wirtschaft und Arbeitsplätze. Hat Stoiber nicht genau diese Themen in den Mittelpunkt gerückt? Hat er nicht stets die größere wirtschaftliche Kompetenz für sich beansprucht? Was also hindert ihn jetzt - wieder einmal - daran, sich auf offener Bühne mit seinem Konkurrenten zu messen? Immerhin strebt Stoiber nicht mehr und nicht weniger an als das Amt des Bundeskanzlers. Dafür muss man zwar nicht am Zaun der Regierungszentrale rütteln. Im Bundestag aber sollte man sich doch gelegentlich einmal sehen lassen.

Es ist wohl die Angst vor dem unkontrollierbaren Wortgefecht, die Stoiber das Parlament meiden lässt. Schon den Debatten über die Bildungs- und Familienpolitik blieb er fern, obwohl auch diese Themen zentrale Anliegen der Union bilden. Dafür sprach Stoiber im Plenum einmal zur Nahostpolitik - staatsmännisch und ohne jedes Risiko, auf der glatten Berliner Bundestagsbühne auszurutschen.

In der Tat, Stoiber ist kein guter Debattenredner - woher auch? Als bayerischer Alleinherrscher kennt der CSU-Chef weder störenden Widerspruch noch nennenswerte Opposition, ganz zu schweigen von unbequemem Koalitionspartnern. Sollte Stoiber die Wahl gewinnen, wird er sich umgewöhnen müssen. Dazu darf man aber eines nicht mehr - kneifen.

Daniel Goffart
Daniel Goffart
Handelsblatt / Ressortleiter
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%