Acht größte Unternehmen mit 115 Milliarden Dollar verschuldet
US-Energiehändler mit dem Rücken an der Wand

Die Deregulierung der Energiemärkte brachte den Energiehandel auch in den USA ins Rollen. In Erwartung steigender Energiepreise trieb die Branche ihre Verschuldung in die Höhe. Nun sind die Preise im Keller, die Schulden unverändert hoch. Der Fall des Vorzeige-Händlers Enron wird nach Ansicht von Experten nicht der einzige bleiben.

NEW YORK. Angeheizt von den verheerenden Quartalsergebnissen, die die beiden Branchenschwergewichte Dynegy und Williams Cos. jetzt veröffentlicht haben, verschlechtern sich die Aussichten für die US-Energiehändler zusehends. Gefallene Strompreise, zurückhaltende Kreditgeber und die Pleite des einstigen Vorzeige-Händlers Enron verdüstern die Aussichten der Branche. Rating-Agenturen vergeben keine Top-Noten mehr, und die Anleger gucken in die Röhre. Dynegy- und Williams-Anteile haben in den vergangenen zwölf Monaten rund 95 % ihres Wertes verloren.

Dabei muss der Erdgas- und Erdölhändler Williams gleich an mehreren Fronten Schadensbegrenzung betreiben. Das Unternehmen gab jetzt einen Quartalsverlust von 350 Mill $ bekannt - fast die gleiche Summe, die 2001 noch als Gewinn eingefahren wurde. Gleichzeitig ist Williams - wie viele Unternehmen der Branche - hoch verschuldet und benötigt dringend Liquidität.

"Zurzeit ist Bargeld für uns wichtiger als Gewinne", sagte der Präsident der Marketingabteilung, Bill Hobbs. Nachdem es Williams Cos. vergangene Woche nicht gelang, bei Banken einen neuen Kredit über 2 Mrd. $ locker zu machen, stuften die Ratingagenturen Moody?s, Standard & Poor?s und Fitch das Unternehmen herab. Seit gestern kann Williams Cos. zumindest für einen Moment aufatmen. Lehmann Brothers und Profi-Investor Warren Buffet haben einen Notkredit von 1 Mrd. $ zugesagt. Rettung in letzter Minute, denn bis Ende dieser Woche muss das Unternehmen Zahlungen über insgesamt 800 Mill. $ leisten.

Umfangreiche Kredite sind in der Branche nichts Ungewöhnliches: Seit den späten 90er Jahren setzen Energiehändler auf Fremdfinanzierung, um von der Deregulierung der Energiemärkte zu profitieren. Doch die Zuwachsraten beruhten vor allem auf der Hoffnung, dass die Energiepreise weiter steigen.

Schulden um 200 Prozent gesteigert

Nach der Pleite des einstigen Vorzeige-Händlers Enron und dem jüngsten Preiseinbruch ist die Euphorie verflogen. Die Schulden dagegen bleiben: Allein die acht größten Energiehändler stehen derzeit laut Berechnungen von SNL Financial bei den Banken mit stattlichen 115 Mrd. $ in der Kreide, eine Steigerung von 200 % in nur drei Jahren.

"Die gesamte Branche hat sich zum Alptraum entwickelt", sagt Analyst Jon Cartwright von der Investmentbank Raymond James. "Die Unternehmen leiden gleich doppelt darunter, dass sie in ihrer jüngeren Vergangenheit nichts als schlechte Nachrichten vorzuweisen haben und das auch noch mitten in einem Bärenmarkt."

Zudem haben zahlreiche Unternehmen der Branche mit undurchsichtigen Geschäften den Interpretationsbedarf ihrer Bilanzen überstrapaziert. Die Mehrzahl der Experten sieht daher in der Energiebranche noch keine Ende der Finanzskandale. "Es gibt keine Zweifel daran, dass wir schon bald eine ganze Reihe weiterer Konkurse sehen werden", sagte kürzlich der ehemalige Enron-Manager Karl Miller. Diese würden dann sogar die Worldcom- und Global-Crossing-Pleiten in den Schatten stellen. Auf der Liste möglicher Pleitekandidaten stehen etwa NRG Energy, die S & P soeben herabgestuft hat. Oder der Energiehändler Mirant aus Atlanta, der jetzt zugab, seine Bilanz im vergangenen Jahr um bis zu 253 Mill. $ geschönt zu haben.

Nur wenige Energiehändler blieben bislang von negativen Zahlen verschont. El Paso etwa verzeichnete im jüngsten Quartal mit einem Gewinn von 12,3 Mill. $ sogar ein leichtes Plus. Der wie Williams ins Kreuzfeuer geratene Dynegy-Konzern hat seine Zahlungsfähigkeit vorerst gesichert, obwohl die Quartalszahlen enttäuschten. Für 2002 hat Dynegy die Gewinnerwartung allerdings von 2 $ auf 41 Cent je Aktie gesenkt. Ihre Kasse konnten die Texaner jetzt allerdings kurzfristig auffüllen: Für 928 Mill. $ in bar haben sie eine rund 26 500 km lange Öl-Pipeline verkauft.

Ironie des Schicksals: Erst im Januar hatte Dynegy die Pipeline vom gestrauchelten Rivalen Enron erworben - für 1,5 Mrd. $. Der lachende Dritte ist übrigens Warren Buffet. Das von ihm kontrollierte Unternehmen Midamerican kaufte die Pipeline zum Schnäppchenpreis.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%