Achtelfinale mit schlechten Erinnerungen
Eier für Italien

Mit Korea verbinden die Italiener übelste Erinnerungen. Bei der Fußball-WM 1966 in England unterlagen sie sensationell dem krassen Außenseiter Nordkorea bei dessen erstem und einzigem WM-Auftritt mit 0:1. Zu Hause hagelte es anschließend Kritik, faule Eier und Tomaten.

sid SEOUL. Einem Italiener sollte man nicht mit Korea kommen. "Korea", das ist für die Italiener so etwas wie "Cordoba" für einen Deutschen, bloß noch viel schlimmer. "Korea", das ist in Italien die Bezeichnung für eine sportliche oder eine nationale Katastrophe, was wiederum in vielen Fällen ein und dasselbe ist. Und viele Italiener werden sich spätestens am Dienstag, wenn (Süd)Korea im Achtelfinale der Fußball-WM 2002 Gegner der "Squadra Azzurra" ist, mit Schaudern an den Tag erinnern, an dem "Korea" zum geflügelten Wort wurde.

Es war der Nachmittag des 19. Juli bei der Fußball-WM 1966 in England, Ayrsome Park in Middlesborough, und die Italiener spielten gegen eine Mannschaft, die aus einer anderen, unbekannten Welt kam. Hinterher wussten die Italiener zumindest, dass man tunlichst keinen Gegner unterschätzen sollte, auch wenn er aus (Nord)Korea kommt und die Spieler lustige Namen haben. Was seit 1978 Hans Krankl für einen Deutschen, ist seit 1966 Pak Do-Ik für einen Italiener.

Die Nordkoreaner, das hatte sich herumgesprochen, waren nicht direkt eine "Gurkentruppe". Unter Trainer Myun Rhee-Hyun bereiteten sie sich schon seit 1963 vor, im November 1965 qualifizierten sich die "Roten Moskitos" durch ein 6:1 und ein 3:1 gegen Australien für die WM. Der "Große Führer" Kim Il-Sung persönlich verabschiedete die Delegation schließlich in Richtung England, wo sie nach anfänglichen diplomatischen Verwicklungen auch einreisen durfte. Die ersten zwei Spielen endeten 0:3 (gegen Russland) und 1:1 (gegen Chile).

Den Italienern hätte im letzten Gruppenspiel bereits ein Unentschieden gereicht, um ins Viertelfinale einzuziehen. Hochnäsig verzichteten sie auf sieben Stammspieler, dann aber mussten schon in der 33. Minute Regisseur Giancamo Bulgarelli verletzt vom Feld, und Auswechslungen gab es damals noch nicht. In der 42. Minute gelang Pak Do-Ik das 1:0, und daran änderte sich nichts mehr, weil Torhüter Ri Chan-Myong einen besonderen Tag erwischte : "Ich wäre vor schlechtem Gewissen gestorben, hätte ich ein Tor reingelassen."

Die Folgen für die blamierten "Azzurri" erwiesen sich als höchst unerfreulich. Die Behörden daheim in Italien hatten nach inständigem Bitten der Mannschaftsleitung zwar einer Umleitung des Charterfluges von Mailand nach Genua zugestimmt. Doch die Genueser "Tifosi" bekamen durch einen selbst ernannten "Verräter" namens "Cristofero Colombo" Wind von der ganzen Sache, und als die italienischen Spieler aus der Maschine gekommen waren, hagelte es Tomaten und faule Eier von einer ganzen Horde aufgebrachter Menschen.

Die Koreaner zogen derweil in eine katholisches Priesterschule nördlich von Liverpool um, und im Viertelfinale, das außer ihnen bis heute keine andere asiatische Mannschaft bei einer WM erreicht hat, sorgten ein weiteres Mal für Aufsehen. Nach einer 3:0-Führung in der 25. Minute scheiterten die "Roten Moskitos" aber schließlich noch an Portugal und dem vierfachen Torschützen Eusebio. Danach verschwanden sie von der Bildfläche genau so geheimnisvoll und schnell wie sie aufgetaucht waren.

Was mit den Nordkoreanern passierte? Gerüchten zu Folge soll Kim Il-Sung alle Spieler ins Gefängnis haben werfen lassen, weil sie in der Nacht vor dem Spiel gegen die Portugiesen angeblich getrunken und gefeiert hatten. Das Buch "Der letzte Gulag" des französischen Autors Pierre Rigoulot behauptet, alle Spieler seinen zu 20 Jahren Zuchthaus verurteilt worden. Im vergangenen Jahr allerdings tauchten erstmals Bilder einer nordkoreanischen Dokumentation auf mit Szenen, die Nordkoreas Spieler bei einer triumphalen Rückkehr zeigen.

Ebenfalls vor wenigen Monaten wurde ein britisches Filmteam nach Nordkorea gelassen. Den Briten wurden Trainer Myun und sieben noch lebende Spieler der "Roten Moskitos" von 1966 präsentiert. Was mit den anderen geschah, bleibt unklar. Die Überlebenden aber waren wohlbehalten, lebten in vom Staat bezahlten Wohnungen, und an ihren Uniformen baumelten Medaillen und Orden.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%