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Achtung, Anleger! Aufpassen! Aktien!

Die Börse tendiert wieder nach oben. Doch das Vertrauen fehlt, wie ein Bankberater-Test offenbart.

Nein, tut mir Leid", der junge Anlageberater der Deutschen Bank schüttelt den Kopf, und das traurige Lächeln auf seinem Gesicht drückt tatsächlich tiefes Bedauern aus: "Bevor das an der Börse wieder richtig losgeht, das wird noch zwei, drei Jahre dauern." Eine Botschaft, die der Kunde, der ihm an diesem Nachmittag in einer Frankfurter Filiale gegenübersitzt, gar nicht gerne hört. Denn der energische Anleger im dunklen Nadelstreifen-Anzug hat nur ein Ziel. Er will sein Geld so schnell wie möglich vermehren, Risiken kennt er kaum. Schließlich ist er auf die Erbschaft von 50 000 Euro, die er jetzt gerne investieren will, finanziell nicht angewiesen - für ihn ist das nur Spielgeld.

Doch der Vermögensberater, der sonst so einen dynamischen Eindruck macht, schenkt seinem enthusiastischen Kunden nur einen skeptischen Blick. Dann versucht er, ihn auf den Boden der Tatsachen zurückzuholen: "Selbst risikobereiten Anlegern würde ich raten, ihr Kapital breit zu streuen, allenfalls die Hälfte sollte man zurzeit in Aktien investieren, den Rest in Renten und in Geldmarktfonds." Schließlich könne niemand sagen, ob es an der Börse nicht doch nach unten gehe.

Der Vermögensberater ist echt, der Kunde spielt sein Interesse nur. Er will testen, was die Banken jetzt empfehlen, zu einer Zeit, in der die Kurse nach oben tendieren. Jagen sie die Anleger wieder in Aktien? Oder halten sie sie von der Börse fern?

Auch ein paar Straßen weiter bei der Commerzbank tritt der Anlageberater erst einmal auf die Euphoriebremse. Ja, die Risiken für einen Einstieg seien zwar deutlich geringer als noch vor zwei Jahren, aber ob das Schlimmste wirklich schon überstanden ist, wer könne das schon sagen? Man wisse ja, die kränkelnde deutsche Konjunktur, der Ärger um die Agenda 2010, und in den USA sehe es auch nicht rosig aus.

Dabei haben namhafte Experten wie der Chefstratege für Europa der Investmentbank Goldman Sachs, Peter Oppenheimer, die schlimmste Börsenbaisse seit einer Generation offiziell für beendet erklärt. Tiefer als Mitte März werden die Kurse so schnell nicht mehr fallen, sind sich Optimisten wie Oppenheimer sicher. Damals war der Deutsche Aktienindex (Dax) auf den tiefsten Stand seit acht Jahren gestürzt, und seither ging es tatsächlich wieder aufwärts, um mehr als 35 Prozent immerhin. Aber an die neue Chance an der Börse wollen offenbar noch nicht einmal die Vermögensberater der Banken so recht glauben. Defensive ist Trumpf in diesen Tagen.

Ende der 90er-Jahre hatten die Institute noch ganz auf die neu entdeckte Lust der Deutschen an der Aktie gesetzt und große Abteilungen aufgebaut. Der Aufwand lohnte sich: Von 1997 bis 2001 sammelten die Banken 200 Milliarden Euro bei Privatanlegern ein, pumpten sie in den Kapitalmarkt und sackten dafür Provisionen ein. Damals empfahlen die Institute ihren Beratern noch, die T-Aktie auch Studenten und verschuldeten Ehepaaren anzubieten. Wenn es sein musste auf Kredit.

Zwei Jahre später heißt es für die Banken: "Gehen Sie zurück auf Los, ziehen sie keine fetten Provisionen ein". "Das Aktiengeschäft mit den Privaten kann man inzwischen fast vergessen", meint ein Händler einer kleinen Privatbank. "Der teure Apparat für das Anlagegeschäft dreht jetzt oft nur noch Däumchen", heißt es aus einer deutschen Großbank.

Die neuen Stars im Vertriebsprogramm der Geldhäuser heißen Renten-, Geldmarkt-, und Immobilienfonds. Denn die gebrannten Kinder der Dauerbaisse suchen noch immer vor allem eines - Sicherheit.

So wie ein anderer Testkunde, der an diesem schönen Tag im Mai eine Filiale der Dresdner Bank betritt. Auch er will 50 000 Euro aus einer Erbschaft anlegen, doch im Gegensatz zu seinem nassforschen Kollegen ist er eine ausgesprochen ängstliche Natur. Vom Spekulieren hat der junge Mann nach leidvollen Erfahrungen am Neuen Markt gründlich die Nase voll.

Damit stößt er auf Verständnis: "Nach all den Skandalen muss die Börse erst einmal wieder Vertrauen finden, das dauert noch", meint der südländische Kundenberater im eleganten grauen Zweireiher. Seine zierliche Kollegin mit den rot gefärbten Haaren und der farblich fein darauf abgestimmten Hornbrille nickt, und auch der verunsicherte Kunde seufzt zustimmend: "Ja, ja, das dauert noch." Deshalb sucht er jetzt eine möglichst sichere Anlage für seine 50 000 Euro. Da will das Pärchen von der Dresdner gerne helfen. "Wenn Sie wirklich defensiv investieren wollen, sollte ein Rentenfonds die oberste Risikogrenze sein", meint die junge Beraterin. Ihr Rat: einen Teil des Geldes auf einem Geldmarktkonto parken und den Rest in einen Rentenfonds stecken.

Auch bei der Frankfurter Sparkasse 1822 hat die Anlageberaterin großes Verständnis für die Sorgen ihres ängstlichen Kunden. Sie selbst sei ja in Gelddingen ebenfalls ausgesprochen konservativ veranlagt. Die Empfehlung der schwarz gelockten Dame: 60 Prozent in einen Rentenfonds und 40 Prozent in einen Immobilienfonds investieren. Wenn es schon unbedingt Aktien sein müssten, dann würde sie zu einem Garantiefonds raten, der das eingesetzte Kapital vor Verlusten schütze.

"Die Institute haben sich inzwischen auf die neuen Bedürfnisse ihrer Kunden eingestellt", erläutert Norbert Mink, Partner der Unternehmensberatung Mummert Consulting. "Da die Aktie selbst nicht mehr gefragt ist, wird sie von Banken und Fonds in neuen Produkten frisch verpackt, die mehr Sicherheit versprechen. Die Finanzinnovationen laufen unter so phantasievollen Namen wie Euro Protekt Dynamik II oder Dynamik Dax Garant und garantieren das eingesetzte Kapital oder bieten eine Mindestverzinsung.

Für die Banken hat die Sache einen entscheidenden Haken. Trotz aller kreativen Neuentwicklungen verdienen die Institute mit den Privatkunden lange nicht mehr so viel wie früher. Denn wenn die konservativen neuen Anleger Wertpapiere kaufen, dann lassen sie sie einfach liegen. "Wer vor allem in Rentenfonds oder Bundesschatzbriefe investiert, schichtet sein Depot nicht dauernd um", weiß Berater Mink. Für die Geldhäuser ist die Gleichung so einfach wie deprimierend: Je weniger Transaktionen, desto weniger Gebühren.

"Für das Aktiengeschäft gibt es keinen wirklichen Ersatz, das fehlt uns", räumt Commerzbank-Sprecher Peter Pietsch ein. Der Provisionsüberschuss aus dem Geschäft mit Privatkunden der Commerzbank sank binnen zweier Jahre von 1,2 Milliarden Euro auf 809 Millionen. Ähnlich sieht das Bild in der gesamten Branche aus.

Für die Bankberater ist das noch lange kein Grund, ihr Publikum wieder in Scharen an den Aktienmarkt zu führen: "Vor drei Jahren haben die Leute gedacht, man sackt mit drei, vier Aktien ein zweites Jahresgehalt ein und verabschiedet sich dann nach Mallorca. Das konnte nicht gut gehen", weiß der südländische Berater der Dresdner Bank. "Aber im Rückblick ist das natürlich leicht gesagt." Einen Stoßseufzer kann er sich dennoch nicht verkneifen: "Das sind genau die Kunden, die heute den größten Ärger machen."

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