Ad hoc
Der Ein-Dollar-Sneaker ist weit mehr als nur eine gute Idee

Es mag Marketing eine Rolle spielen bei der Idee von Adidas, einen Turnschuh für die Armen der Welt zu entwickeln. Aber Visionen können heute sehr schnell zu Produkten werden.
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Ich habe nie viel Gutes von denen gesehen, die angeblich für das allgemeine Beste tätig waren", hat Adam Smith geschrieben, um damit das einzuleiten, was als Theorie der "unsichtbaren Hand" bis heute bekannt und berühmt ist. Im Kern heißt das ja nichts anderes, als dass Eigennutz zur allgemeinen Wohlfahrt führt, eine Denkfigur, die auch unter deutschen Grüblern so manche bunte Blüte hat blühen lassen. Immanuel Kant etwa greift sie auf, als er in seiner schönen Schrift "Zum ewigen Frieden" darauf hinweist, dass die "große Künstlerin Natur" vermag, im Lauf der Zeit trotz aller Zwietracht der Menschen untereinander "die Eintracht selbst wider ihren Willen emporkommen zu lassen". Nun, die Zeitläufte im 19., im 20. und 21. Jahrhundert haben die Menschheit um die Erfahrung bereichert, dass Markt und menschliche Natur doch nicht ausschließlich sich selbst überlassen bleiben dürfen; dass ihrem allzu natürlichen Wirken demnach Einhalt geboten werden muss.

Die unternehmerische Nachhaltigkeit ist ein postmodernes Rezept, mit der Herausforderung "Mensch" umzugehen. Als nacktes Wort überstrapaziert, ist das Konzept aktuell wie nie. Wohnt der Nachhaltigkeit doch der Optimismus der großen Aufklärer wie Smith oder Kant inne: dass aus der Anstrengung Einzelner ein Segen für die Allgemeinheit werden kann - unter entsprechenden Rahmenbedingungen, versteht sich.

So gesehen, war die vergangene Woche vielversprechend. Als Akt sozialen und umweltbewussten Engagements hat die Firma Adidas ihren Vorstoß verkauft, gemeinsam mit dem Friedensnobelpreisträger Muhammad Yunus einen Turnschuh für die wirklich Armen dieser Welt auf den Markt zu bringen. Wie viel Marketing auch immer hinter der Idee des Ein-Dollar-Sneakers steckt: Die Firma aus Herzogenaurach und ihr CEO Herbert Hainer haben mit einem Produkt gezeigt, dass sie visionäre Energie besitzen, die über die eigene Bilanz weit hinaus weist. Denn betriebswirtschaftlich erscheint die Produktidee in einer global vernetzten Welt durchaus als Risiko. Adidas lässt den Löwenanteil seiner Schuhe in fernöstlichen Billigländern fertigen und auf den Märkten der ersten Welt teuer verkaufen. Man könnte daher argumentieren, dass Adidas nun offenbart, wie dehnbar der Preis eines Turnschuhs ist. Umso mehr glauben wir an die Kraft der unternehmerischen Idee. Wir verbannen das Diktum Helmut Schmidts, dass, wer Visionen habe, zum Arzt gehen solle.

Die große Krise, die die Glaubwürdigkeit unternehmerischen Handelns erschüttert hat, bietet die Chance, für unmöglich Gehaltenes nicht nur zu denken, sondern es auch umzusetzen. Das Wüstenstromprojekt Desertec halten viele für buchstäblich heiße Luft. De facto wird heute schon an Anlagen getüftelt, die den Wüstenstrom von morgen bringen werden. Das ist ja die Faszination der klein gewordenen einen Welt, dass sich aus Visionen in unglaublicher Geschwindigkeit Produkte machen lassen. Insofern ist jetzt die Zeit für Wagnisse. Herbert Hainers kleiner Schuh hat das Zeug, symbolischer (Fort-)Schritt für alle zu werden.

Quelle: Pablo Castagnola
Christoph Hardt
Handelsblatt / Ressortleiter
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