Ad Hoc
Die Affäre „Spähdorn“

Warum soll Bahnchef Mehdorn gehen, wenn Telekom-Chef Obermann bleiben darf? Beide haben ihre Mitarbeiter ausgespäht. Doch in diesem Vergleich zeigt sich die ganze Schieflage der Debatte.
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Dem Bund deutscher Kriminalbeamter gebührt der Preis für die Wortschöpfung des Tages. Die Kripobeamten sprechen von der "Spähdorn-Affäre". Gemeint ist der Datenabgleich der Deutschen Bahn bei Tausenden von Mitarbeitern, die Unternehmenschef Hartmut Mehdorn nun arg in Bedrängnis bringt. Rücktrittsforderungen werden immer offener vorgetragen, selbst beim Eigentümer rumort es - auch wenn sich die großen Koalitionäre in Berlin uneins darin sind, ob sie den langjährigen Bahnchef ausgerechnet im Wahljahr abschießen sollten.

Man reibt sich verwundert die Augen über das populistische Kesseltreiben um Mehdorn. Warum fordert eigentlich niemand den Abgang von Telekom-Chef René Obermann? Klar, der Fall liegt ein wenig anders. Das grundsätzliche Dilemma ist aber dasselbe: Darf ein Unternehmen die eigenen Interessen in dieser massiven und flächendeckenden Form über die Interessen des Individuums (sprich: Mitarbeiters) stellen, die ja schließlich grundgesetzlich geschützt sind? Reichen Compliance-Vorschriften allein aus, um Mitarbeiter unter Generalverdacht zu stellen? Und natürlich: Wie offen geht man damit um?

Diese Fragen dürften juristische Fachtagungen beschäftigen - sie sind daher kein Gegenstand dieser Erörterung. Wohl aber die Frage, warum Mehdorn gehen soll, Obermann aber bleiben darf? Oder umgekehrt: Wenn Obermann bleibt, warum nicht auch Mehdorn?

Der Bahnchef - genauer gesagt jeder Bahnchef - hat ein ganz besonderes Problem: Er ist Gegenstand öffentlichen Interesses wie kein anderer Unternehmensführer in diesem Land. Bahn-Bashing am Stammtisch, was gibt es Schöneres? Jeder weiß von angeblich katastrophalen Zuständen zu berichten, selbst wenn er (oder sie) überhaupt nicht Bahn fährt. Kurzum: Wenn ebendieser Verspätungs-Bahnchef sich auch noch als Spähchef erweist, wird er postwendend zum Abschuss freigegeben. Darin zeigt sich auch die Schieflage in dieser Debatte. Es wird Zeit, dass wir mehr über die Sache reden. fockenbrock@handelsblatt.com

Dieter Fockenbrock
Dieter Fockenbrock
Handelsblatt / Chefkorrespondent
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