Ad hoc
Hoffnungsschimmer über dem Land der Krämerseelen

Dem deutschen Einzelhandel fehlt es an Selbstbewußtsein. Dabei gibt es dafür überhaupt keinen triftigen Grund, ist die Branche doch ein entscheidender Stabilisator in der Krise. Das Weihnachtsgeschäft wird es wieder einmal weisen.
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Der deutsche Handel, der dieser Tage in Berlin mit seinem Kongress eine Art Heerschau versucht hat, kämpft seit Menschengedenken mit dem Phänomen, dass seine volkswirtschaftliche Bedeutung eher unter- als überschätzt wird. Der deutsche Handel zeichnet sich seit mindestens zwei Verkäuferinnengenerationen zudem dadurch aus, dass er seine scheinbar mangelhafte Wahrnehmung in der Öffentlichkeit beklagt, als sei das eine Ungerechtigkeit der Natur. Aber gibt es für ein derartiges existenzielles Hubertus-von-Pellengahr-Beleidigtsein überhaupt einen Grund, muss die Klage bei uns auf immerdar das liebste Lied des Kaufmanns bleiben?

Hier gerät man ins Grübeln, steht doch fest, dass der Handel nicht nur zu den entscheidenden Stabilisatoren in der Krise zählte und zählt. Nein, seine Bedeutung könnte in den kommenden Monaten sogar noch wachsen, wenn es darum geht, die Spätfolgen des Desasters mittels einer halbwegs stabilen Konsumkonjunktur unter Kontrolle zu halten.

Vielleicht muss man also ein wenig tiefer schürfen, um den Gründen für die besonderen Befindlichkeiten des Handels hierzulande auf die Spur zu kommen. Dass die Deutschen ein kompliziertes Verhältnis zum Thema haben, ist ja nicht eben neu. Deutschland war noch nie ein Land der Marketender wie etwa das unserer zumeist glücklicheren Nachbarn in den Niederlanden. Den Begriff Krämerseele gibt es ja so nur im Land der Denker und Maschinenbauer.

Infolgedessen neigen wir selbst dazu, die Exporterfolge unserer Fabrikanten in den Himmel zu loben und dabei zu vergessen, dass auch deutsche Händler jenseits der Grenzen höchst erfolgreich agieren. Dafür stehen Namen und Konzepte wie Metro Cash & Carry oder Aldi, die sich in vielen Regionen dieser Erde richtig breit gemacht haben.

Dennoch hat es ganz entschieden und vor allem mit mangelndem Selbstbewusstsein zu tun, dass sich die Branche so schwertut mit sich und der Welt. Nicht leichter wird es dadurch, dass dem „Einzelhandel“ die Tendenz zur Vereinzelung innewohnt, deren Folge Missgunst und organisiertes Gegeneinander sein können. Die Zahlen jedenfalls sprechen eine ganz andere Sprache: Jahresumsatz 400 Milliarden Euro, fast 2,6 Millionen Beschäftigte, größter Ausbilder des Landes, drittstärkster Wirtschaftszweig.

Auch im ganz großen Rahmen betrachtet, besteht zu Trübsal kein Anlass. Der Handel zählt zu den wichtigsten Kulturbeschleunigern der Menschheit. Unsere Handelsmetropolen haben Geschichte gemacht, Köln im Mittelalter, Hamburg in der Neuzeit. „Tor zur Welt“, „Motor des Fortschritts“, da fällt einem so viel ein. In Kenias Metropole Nairobi lässt sich derzeit beobachten, wie das Stadtviertel der somalischen Zuwanderer dabei ist, dank des Handelstalents der Somalis zu einem der dynamischsten Plätze des gesamten Kontinents zu werden. Überall verändert der Handel die Welt, gerade jetzt vielleicht so stark wie noch nie. Und so richten wir unser liberales Credo an alle deutsche Krämerseelen: Wandel durch Handel, Ihr werdet es vielleicht schon im Weihnachtsgeschäft zu spüren bekommen.

Quelle: Pablo Castagnola
Christoph Hardt
Handelsblatt / Ressortleiter
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