Ad hoc
Opel oder die Sprachlosigkeit zwischen Wirtschaft und Politik

Der Fall Opel beweist wie kein anderer der vielen Fälle in jüngster Zeit, wie groß die Distanz zwischen politisch und wirtschaftlich Verantwortlichen geworden ist.

Wer nach dem wirtschaftsfernsten Platz in der deutschen Geschichte fahndet, der dürfte ihn im protestantischen Pfarrhaus finden. Wenn diese Brutstätte für Dichter, Denker und sonstige Tiefschürfer auch noch in der ostdeutschen Provinz steht, dann lässt sich die Distanz ermessen, die Angela Merkel hinter sich gebracht hat, wenn sie heute über Kernfragen von guter Unternehmensführung entscheidet.

Ja, Geld und Geist, das ist vielleicht der deutsche Gegensatz schlechthin, mag die Wirtschaft auch ausdrücklich dazu eingeladen sein, bei der Gesetzgebung mitzuwirken. Gerade deshalb: Der Fall Opel beweist wie kein anderer der vielen Fälle in jüngster Zeit, wie groß die Distanz zwischen politisch und wirtschaftlich Verantwortlichen geworden ist. Diese Distanz zu verringern dürfte eine der großen Herausforderungen sein, vor der die Entscheider in diesem Lande in den nächsten Jahren stehen. Denn dass sich in der Finanzkrise eine Kluft zwischen Unternehmertum und politischer Klasse geöffnet hat, dürfte spätestens seit dem 5. August 2009 außer Frage stehen, als das Gesetz zur Angemessenheit der Vorstandsvergütung in Kraft getreten ist.

In den nächsten Wochen wollen wir das Phänomen der besonderen Politikferne der Wirtschaft eingehender durchleuchten. Beginnen wir, auch aus Gründen der Aktualität, mit Opel, dem Symptom. Als die Rüsselsheimer Pleitekandidaten am 14. November 2008 erstmals nach Staatshilfe riefen, dürfte die Politikerin Angela Merkel die politische Dimension noch unterschätzt haben. Als ihr Herausforderer einige Zeit später eine Staatsbeteiligung am Autounternehmen forderte, war dies längst anders. Für Angela Merkel war Opel eine politische Aufgabenstellung geworden. Auch deshalb konnten wir diverse Inszenierungen erleben, darunter Late Night-Shows, wie sie die Republik im Zusammenhang mit der Rettung eines einzigen Unternehmens noch nicht erlebt hat.

Erstaunlich, wie kritiklos die Wirtschaft die diversen Opel-Spektakel hat über die Bühne gehen lassen. Wahrscheinlich hat das auch mit der Fragmentierung institutioneller Politikberatung zu tun. Der Rat für Wachstum und Innovation hat sich sang- und klanglos aufgelöst. Wer ist nun die Stimme der Unternehmen in Berlin? Die Kanzlerin verfolgt das Konzept einer Ad-hoc-Beratung, sie konsultiert die CEO nach Bedarf. Das vergrößert die Gefahr für die Gefragten, mit ungefragten Äußerungen Gunst zu verlieren.

Quelle: Pablo Castagnola
Christoph Hardt
Handelsblatt / Ressortleiter
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