Ad hoc
Topmanager mit deutscher Gründlichkeit bloßgestellt

Die Gehälter der Vorstände werden immer mehr zum Stadtgespräch. Nur die Familiengesellschaften können Millionen zahlen, ohne dass ein Hahn danach kräht.
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Maßhalten - das hat schon Ludwig Erhard empfohlen und sich damit als Aristoteliker erwiesen. In seiner Nikomachischen Ethik sagt Aristoteles, nur maßhaltend könne Leben gelingen. Als Beispiel führt er an: Tapfer ist der, der weder tollkühn noch feige ist.

Entgegen anderslautenden Regierungsverkündigungen ist das im Sommer 2009 verabschiedete Gesetz zur Angemessenheit von Vorstandsvergütungen der wohl tollkühnste gesetzgeberische Verstoß gegen das Gebot des Maßhaltens. Kein Paragrafenwerk der Großen Koalition dürfte dem Standort im internationalen Wettbewerb mehr geschadet haben als dieser Vorstoß in die innersten Bereiche der Unternehmensführung.

Gewiss, die Managerelite und die mit ihr verbündeten Aufsichtsräte waren mit ihrer ausgeprägten Ideenlosigkeit nicht unschuldig an der ultimativen Antwort der Wahlkämpfer auf die Finanzkrise. Dennoch, das Gesetz schießt weit übers Ziel hinaus, weil es die Transparenz überdehnt und damit die Führungskräfte börsennotierter deutscher Unternehmen im internationalen Vergleich mit deutscher Gründlichkeit bloßstellt.

Nun wenden kritische Geister ein, dass wir Deutschen in Vermögensfragen ausgesprochen pingelige Zeitgenossen seien, ein Amerikaner sich hingegen mit dem Bekenntnis, was er verdiene, in der Öffentlichkeit viel leichter tue, ja sogar stolz darauf sei, zu den Millionenverdienern zu zählen.

Das Argument, dass Berlin es wieder einmal übertrieben hat, sticht trotzdem. Denn es gibt jetzt den komplett nackten CEO. Immer wieder ist von Vorständen börsennotierter Unternehmen die Klage zu hören, dass über ihr Einkommen inzwischen auf dem Boulevard räsoniert werde. Gut möglich, dass die Debatte gar schon in so manchem Kindergarten angekommen ist, frei nach dem Motto: "Dein Papi verdient aber viel."

Für die börsennotierten Unternehmen ist das VorstAG aber auch deshalb ein Schlag ins Kontor, weil es sie selbst im nationalen Vergleich schwächt. Immer mehr Führungskräfte fragen sich, ob es lohnt, sich für ein paar Euro extra gleichsam öffentlich ausziehen zu lassen. Dies gilt umso mehr, als die großen Gewinner der vergangenen Jahre, die Familienunternehmen, längst in den Wettbewerb um die besten Köpfe eingetreten sind. Die nicht börsennotierten Unternehmungen können sich den folgenschweren Transparenzanforderungen des deutschen Gesetzgebers weitgehend entziehen und zahlen bisweilen ebenfalls Millionengehälter, ohne dass ein Hahn danach krähte.

Man solle doch immer die Folge bedenken, haben die Alten gesagt und dabei an Aristoteles gedacht und seine gute Mitte. Denn es ist schwierig, sie wiederzufinden, wenn sie einmal verloren gegangen ist. Der Tollkühne zum Beispiel wird den Tapferen immer feige nennen. Wer die Mitte einmal aufgegeben hat, der neigt zum Extrem.

Quelle: Pablo Castagnola
Christoph Hardt
Handelsblatt / Ressortleiter
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