Ad Hoc
Über die Untiefen des Informationsmarktes

Wer sagt wann was? Transparenz ist gut, aber es gilt, Maß zu halten. Das muss auch der Gesetzgeber bei seiner Regulierung der Pflichtmitteilungen beachten.
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In Dubio pro Publicitate, im Zweifel für die Publizität. Mag die neulateinische Norm in der Alltagssprache nicht ankommen, im Alltag der Unternehmenskommunikation ist sie längst umgesetzt. Und wie: Die jüngste Quartalssaison hat neue Höchstwerte für überraschende Ad-Hoc-Mitteilungen gebracht. Daimler und die Deutsche Bank markierten in den vergangenen Tagen die Spitze.

Aber ist die große Mitteilsamkeit der Unternehmen tatsächlich ein Fortschritt? Können wir sagen, dass überraschende Ad-hocs gleichbedeutend sind mit neuer Transparenz, also mehr Durchblick für die Aktionäre? Skepsis ist gestattet, der Kursverlauf des Daimler-Papiers nach den erstaunlich guten Zahlen vor genau zwei Wochen spricht hier schon Bände. Erst ein Kurssprung wie lange nicht, dann, bis zur endgültigen Klarheit Mitte vergangener Woche, ein stetes Abschmelzen der Kurseuphorie. Daimler hat offenbar, aller Pflichterfüllung zum Trotz, in puncto Stimmung ein wenig übertrieben.

Tatsächlich wartet die große Mehrzahl der jüngsten Mitteilungen mit positiven Überraschungen auf, - was nach Selbstlob klingt. Formal betrachtet ist die Welle vorzeitiger Veröffentlichungen hingegen Beleg dafür, dass den Transparenzanforderungen brav Folge geleistet wird. Das sieht auch die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) so. Es sei Wille des Gesetzgebers, relevante Daten des Unternehmens, die als Insiderinformationen missbraucht werden könnten, unverzüglich in die Öffentlichkeit zu befördern.

Mit etwa 3 000 Ad-hoc-Mitteilungen sah sich die BaFin im vergangenen Jahr konfrontiert. Das klingt nach viel, ist aber verglichen mit der Zeit des Neuen Marktes eine Stabilisierung auf mittlerem Niveau. Damals bliesen die Unternehmen Ad-hocs heraus, bis es krachte.

Mehr als 6 000 Pflichtmitteilungen zählte die Aufsicht, das System führte sich ad absurdum. Der Missbrauch der Mitteilung als Marketinginstrument war einer der Gründe dafür, dass der Gesetzgeber das Wertpapierhandelsgesetz bisher schon 14-mal überarbeitet hat. Nun haben Paragraphen stets die Tücke, Folgen zu zeitigen, die kein Gesetzgeber erwartet. Wer Kommunikation reguliert, der muss damit rechnen, dass sich die Unternehmen neue Kanäle suchen, um ihre Botschaften nach ihren Interessen zu verbreiten. Deshalb ist ein grauer Markt für Unternehmensinformation entstanden, die Qualität des Angebots schwankt entsprechend der Güte des Informanten.

Umso mehr sollte der neuen Regierung daran gelegen sein, beim Anlegerschutz Maß zu halten. Es gilt, die Überregulierung der Unternehmenskommunikation zu verhindern, mögen Kritiker auch die weiterhin geringe Aufklärungsquote bei Verstößen gegen die Publizitätspflicht bemängeln.

In Sachen Publizität heißt es vielmehr, der Öffentlichkeit zu vertrauen. Dann kann die böse Schlagzeile die Sanktion der BaFin ersetzen. Dass die Ad-Hoc-Pflicht generell ein Fortschritt ist, steht außer Frage. Sie hat Unternehmenskommunikation diszipliniert und professionalisiert. Nie war mehr Transparenz als heute.

Quelle: Pablo Castagnola
Christoph Hardt
Handelsblatt / Ressortleiter
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