Adhoc
Gegen das digitale Gerücht hilft nur die Aufrichtigkeit

Das Mitmachnetz schafft Transparenz und eine bislang für unmöglich gehaltene kommunikative Freiheit. Das ist auch für Unternehmen eine große Chance.
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Seit sich Frank Schirrmacher der Ich-Erschöpfung im digitalen Zeitalter angenommen hat, hat das Thema die Weblogs endgültig verlassen. Nun ist dies nicht die Stelle für Literaturkritik, schon gar nicht wollen wir uns fragen, was es bedeutet, dass der Herausgeber der FAZ gleich zu Beginn seines neuesten Werkes bekennt, den geistigen Anforderungen der Zeit nicht mehr gewachsen zu sein.

Geschenkt, „Payback“, in grelles Grün verpackt, spricht dem E-Mail-verfolgten Mittelbau aus dem Herzen. Wer fühlte sich nicht gequält durch all die Mails der Chefs und vor allem Sous-Chefs, die das Instrument der Carbon-Copy als Mittel ihres mediokren Managements missbrauchen: „Wer hat das genehmigt?“ Ein direkter Ansprechpartner, zwanzig CC und noch mehr nervtötende Reparaturarbeit bei den Kollegen.

Aber es geht ja schon längst nicht mehr um die E-Mail-Bankrotte, die wir alle schon erlebt und erlitten haben. Es geht um die grundsätzliche Fragestellung, wie wir uns in einer aus den Fugen geratenen Kommunikationswelt bewegen sollen. Denn wenn es ein irritierendes Moment an der Cyber-Verständigung gibt, dann das, dass Kommunikation ohne jede Verantwortung alltäglich geworden ist. Die Möglichkeit, jeden Unsinn in Echtzeit durch die Welt verbreiten zu können, ohne wirklich dafür gerade stehen zu müssen, stellt vor allem die Kommunikation der Unternehmen vor gewaltige Herausforderungen.

Vor wenigen Tagen schilderte der Kommunikationschef eines Dax-Unternehmens, wie er seine beiläufig gemachten Bemerkungen am Rande einer Betriebsversammlung gleichsam in Echtzeit im www. wiederfand, natürlich nicht ganz richtig und schon gar nicht autorisiert, aber getwittert. Wenige Tage zuvor erzählte dessen Kollege, wie sich ein gewöhnlicher Betriebsunfall per Stille-Post-Phänomen im Internet zu einem gefährlichen Unfall hochschaukelte, ohne dass es der Firma möglich gewesen wäre, dem digitalen Rumor entgegenzutreten.

Es spricht nicht gegen die Gefährdungen durch die Cyber-Kommunikation, dass wichtige Akteure längst dazu übergegangen sind, aus ihrem Geplapper in Blogs und Foren eine Geschäftsidee zu machen, indem sie jetzt selbst die Unternehmen beraten. Twitter-Monitoring boomt, die Unternehmen können das Web sich nicht selbst überlassen.

Positiv betrachtet schafft das Mitmachnetz Transparenz, bislang für unmöglich gehaltene kommunikative Freiheit. Das ist auch für Unternehmen eine große Chance. Während dort Verantwortungslosigkeit Prinzip ist, können die Unternehmen mit aufrichtiger Kommunikation Bonuspunkte für Glaubwürdigkeit sammeln. Umso fataler wäre es für sie, wenn sie versuchten, in den Abgründen des Netzes Nachrichten zu steuern. Propagandisten der alten Schule, die den Abbau von Jobs als Weiterentwicklung ihrer Marken verkaufen, werden als Lügner entlarvt, kaum dass ihre Mitteilung in der Welt ist.

Quelle: Pablo Castagnola
Christoph Hardt
Handelsblatt / Ressortleiter
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