Adidas–Salomon prescht voran
Großkonzerne gründen eigene Versicherer

Die Industrieversicherer ziehen harte Bandagen auf: Weil die Anzahl der Schadensfälle zu-, das Kapital jedoch abnimmt, verlangen sie höhere Prämien und schränken den Versicherungsschutz ein. Industrie-Kunden müssen immer mehr Risiken selbst tragen. Einige Konzerne denken über eigene Versicherer (Captive) nach.

DÜSSELDORF. Besinnliche Weihnachtszeit? Davon können Versicherer, Großmakler und die Versicherungseinkäufer von Gewerbe und Industrie nur träumen. Gerade zum Ende des Jahres brennt der Baum: Denn bis Sylvester müssen die meisten Policen verlängert oder neue ausgehandelt werden. Ein Trend zeichnet sich hierbei klar ab: "Die Industriekunden müssen einen größeren Anteil ihres Risikos selbst tragen - sprich, ihr Selbstbehalt steigt", sagt Paul Grothaus von Aon Jauch dem größten Versicherungsmakler Deutschlands. Die Gründe sind klar: Durch Großschäden und Kapitalschmelze haben die Versicherer nicht mehr genug Geld, um ihren Kunden auch den letzten Kleinschaden zu versichern. Grothaus warnt davor, die höheren Selbstbehalte nur als vorübergehendes Marktphänomen zu betrachten: "Die Erst-Versicherer bekommen bei den Rückversicherern auch keine Deckung mehr ab dem ersten Euro. Die Erstversicherer tragen diese erhöhten Eigenbehalte auf Grund geänderter Rückversicherungskonzepte. Das erhöhte Eigenbehaltsrisiko und verengte Kapazitäten führen zu höheren Prämien." "Wir ermuntern unsere Kunden, mehr Risiko selbst zu tragen", sagt auch Axel Theis, Vorstand der Allianz Versicherungs-AG und Leiter des deutschen Industrieversicherungsgeschäfts. Diese "Ermunterung" des Marktführers werden wohl die Kunden akzeptieren müssen. Jetzt lautet die Frage: Wie finanzieren die Unternehmen diese höheren Selbstbehalte? Viele Varianten haben sie nicht zur Auswahl: Bei Großunternehmen kommt die Gründung eines Firmen eigenen Versicherers, einer so genannte Captive, in Frage. So hat die Adidas AG-Salomon in diesem Jahr einen solchen Versicherer gegründet. Beim Pharmakonzern Merck wird dies ebenfalls erwogen.



Eine Captive lohnt nach Einschätzung von Holger Kraus, Spezialist für alternativen Risikotransfer bei Aon Jauch & Hübener, erst ab einem Nettoprämienvolumen von über 1 Mill. Euro. "Denn die Fixkosten zum Betrieb einer Captive schlagen mit mindestens 50 000 bis 70 000 Euro pro Jahr zu Buche." Lohnt aber eine Captive-Gründung nicht, muss das Unternehmen die Risiken, die vom Versicherer nicht länger übernommen werden, selbst tragen. "Entweder bezahlt das Unternehmen die Schäden dann aus dem Cash-flow oder es vereinbart eine Kreditlinie mit einer Bank", sagt Kraus. In Deutschland gibt es bislang erst rund 60 Captives. In Großbritannien dagegen sind es bereits 410. Diesen großen Unterschied erklären Experten damit, dass deutsche Kunden sich traditionell sehr lang an ihren Versicherer binden und daher die Gründung eines eigenen Versicherers gescheut haben. "Das Thema ist aber aktueller denn je. Viele Unternehmen lassen derzeit Machbarkeitsstudien über die Gründung einer Captive anfertigen", sagt Gilbert Van den Eynde, Leiter des Bereichs Konzernkunden bei Marsh GmbH. Um zu prüfen, ob sich eine eigene Captive lohnt, sollte auch der bisherige Schadenverlauf analysiert werden. "In einigen Bereichen in der Transportversicherung wurden 60 bis 70 Prozent der Prämie schon von täglich auftretenen Kleinschäden, den so genannten Frequenzschäden, aufgefressen", sagt Aon-Experte Grothaus. Bei so häufig auftretenen Mini-Schäden lohne die Gründung einer Captive in der Regel nicht. "Wir haben unsere Captive auf Druck des Versicherungsmarktes gegründet", sagt Dieter Schmitt, Managing Director adidas Versicherungs-Vermittlungs-GmbH. Der Sportartikel-Hersteller musste von 2001 bis 2003 Prämienerhöhungen von 150 bis 200 Prozent hinnehmen. Gleichzeitig hat sich für einige Risiken der Selbstbehalt verfünffacht. Den soll jetzt der eigene Versicherer übernehmen, der in Dublin angesiedelt ist. Die Vorteile: Adidas wird mit dem eigenen Versicherer etwas unabhängiger vom volatilen Versicherungsmarkt. Zudem kann über die Captive der Rückversicherungsmarkt direkt angezapft werden. Den Hauptvorteil sieht Schmitt jedoch an ganz anderer Stelle: "Wir wollen weg von der Vollkasko-Mentalität. Wenn jetzt Schäden nicht länger vom Versicherer getragen werden, sondern über die eigene Gewinn- und Verlustrechnung laufen, ist die Motivation im Unternehmen größer, Schäden zu vermeiden."

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