Ähnlich einem Wirtschaftsunternehmen vergibt El Kaida Lizenzen an seine Jünger
Kommentar: Terror ohne Netz

Es ist nicht entscheidend, ob für die Anschläge in Kenia direkt eine El-Kaida-Zelle verantwortlich ist.

Denn auch wenn vieles dafür spricht - der Tatort, die Ziele, die Koordination nicht nur eines Angriffs -, so müssen die Experten und Geheimdienste inzwischen einräumen, dass sich der Terror zu einem Massenphänomen entwickelt. Alleine die Ereignisse der letzten zehn Tage belegen dies: Da geht in Saudi-Arabien eine McDonald?s-Filiale in Flammen auf, zwei US-Soldaten werden in Kuwait von einem Polizisten schwer verletzt, und im libanesischen Sidon wird eine junge US-Missionarin mit drei Kopfschüssen getötet. In diesem letzten Fall spricht der Bundesnachrichtendienst bereits von einer "Stimmungstat". Und richtig: Es ist zunehmend die Stimmung, die der Gewalt den Boden bereitet. Auch dafür steht El Kaida - und das macht das Terrorproblem inzwischen so unglaublich kompliziert.

Franchising heißt im Fachjargon der neue Terminus für das, was die Welt seither erlebt: Ähnlich einem Wirtschaftsunternehmen vergibt El Kaida Lizenzen an seine Jünger. Geboten werden Geld, Waffen, Training oder Sprengstoff. Daneben ermuntert die Organisation ihre Mitmacher durch Videobotschaften und Manifeste, so wie Osama bin Ladens "Brief an Amerika", der am vergangenen Sonntag im britischen "Observer" veröffentlicht wurde. Dort versammelte sich genau jenes ideologische Rüstzeug, das die Gewaltanwendung gegen Ungläubige legitimieren soll. Und der Mix, der im Namen bin Ladens präsentiert wird, hat tatsächlich seinen eigenen Charme. Da werden amerikanischer Kulturimperialismus, Israels Palästina-Politik und die amerikanische Ablehnung des Umweltprotokolls von Kyoto so zusammengerührt, dass jeder ein Argument finden kann. Die "Franchise-Nehmer" dürfen sich bedienen - und dann ans Werk gehen.

Für die Geheimdienste ist dies nahezu ein "Worst case"-Szenario. Denn ein solcherart lose geknüpftes Terrornetz ist kaum noch zu lokalisieren. Als jüngst die deutschen Terrorjäger über mögliche Anschlagsorte berieten, nahmen sie folgerichtig auch den halben Globus ins Visier: von Europa über Amerika und Südostasien bis eben hin zu Afrika - Ost-Afrika im Besonderen. Terrorismus blüht dort, wo es eine verlässliche Unterstützerszene gibt. Und die Ziele, ob nun "hard targets" wie amerikanische oder israelische Botschaften und Militärstützpunkte oder "soft targets" wie Supermärkte und Hotels, finden sich beinahe überall. Die Möglichkeiten definieren das Ziel. Und die bieten sich für jeden, der danach sucht.

Die Vorstellung, vor allem mit präventiven Militärschlägen dem Problem zu Leibe rücken zu können, kann vor diesem Hintergrund schon rein praktisch nicht funktionieren. Die Zahl der "failed states", die eine Basis für Terroristen sein könnten, reicht jetzt schon in die Dutzende. Die Bekämpfung des Terrorismus wird sich auf die Ursprünge konzentrieren müssen: auf die Hass erzeugenden Konflikte vor allem im Nahen und Mittleren Osten, auf die weltweite Armut und - so unbequem das auch sein mag - auf eine selbstkritische Kulturdebatte. Wenn die inhaltliche Diskussion ausfällt, könnten die Islamisten nicht nur heute leichtes Spiel haben, sondern dauerhaft.

Markus Ziener ist Korrespondent in Washington.
Markus Ziener
Handelsblatt / Korrespondent
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