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Älteste deutsche Tankstelle wird 80: Vollservice mit Kartoffeln

Essen (dpa) - Tankwart Andreas Schulte kommt jedem Kunden mit ausgestreckter Hand entgegen. «Guten Tag, was kann ich für Sie tun?», fragt der 23-Jährige freundlich. Denn die Kunden von Deutschlands ältester Tankstelle in Essen wollen oft nicht nur Benzin, sondern sich auch den Kofferraum füllen.

Mit einem Kasten Bier oder Wasser etwa, vielleicht auch einem Sack Kartoffeln. Neben dem eigentlichen Tanken reinigt Schulte die Scheiben, auf Wunsch gibt es auch eine Handwäsche für den Wagen. «Wir bieten hier noch den Vollservice», sagt Inhaber Manfred Milz-Caspar. «Das ist unser Überlebenskonzept - seit 80 Jahren.»

Am 18. Mai 1924 erteilte die Stadtverwaltung Friedrich Caspar die Genehmigung, unterirdische Tanks zu bauen und eine Tankstelle zu errichten. Damit ist der Betrieb nach Angaben des Tankstellen- Fachverbandes die älteste Station Deutschlands. Auf dem Hinterhof in Essen-Holsterhausen hatte Caspars Vater zuvor 30 Jahre lang eine Lackierwerkstatt für Kutschen betrieben und später Omnibusse gebaut. «Die Gebäude sind noch alle original so wie sie Friedrich Caspar damals gebaut hat», schwärmt Milz-Caspar und lässt dabei den Blick über die Stromleitungen schweifen, die noch mediterran anmutend auf Putz liegen.

Schon mehrmals haben Behörden in den vergangenen Jahrzehnten versucht, den Betrieb wegen technischer Mängel zu schließen. Zuletzt 1999, weil eine Abscheideanlage für den Wasserabfluss fehlte. «Da habe ich so lange öffentlich Tam-Tam gemacht, bis eine verträgliche Lösung gefunden wurde», sagt der streitbare Tankwart. Ein anderes Mal war angeblich die Grube in der Reparatur-Werkstatt zu nah an den Tanks. «Die Grube ist immer noch da», grinst Milz-Caspar. Einen Beamten des staatlichen Umweltamtes Duisburg, der Gasrückführungsschläuche für die Zapfpistolen forderte, jagte Milz- Caspar gleich vom Hof. «Die braucht man nämlich erst ab einer Zapfmenge von 1 Million Liter pro Jahr», weiß er.

Von solchen Mengen ist die Hinterhof-Tankstelle weit entfernt, schließlich ist dort der Sprit ein paar Cent teurer als bei der Konkurrenz. Die «Tankstelle mit Herz» lebt von Stammkunden, die teilweise als Kinder auf dem Hof gespielt haben. So wie Walter Nobach, der seit fast 50 Jahren kommt: «Als junger Mann durfte ich hier für wenig Geld an meinem Auto schrauben und der alte Caspar hat mir immer geholfen», berichtet der Kunde. «Jetzt gebe ich zurück, was ich damals bekommen habe.»

Im Kassenraum herrscht Inge Metzler, die längst ihre Rente genießen könnte, aber den Trubel im Hinterhof nicht missen könnte. Für die Kinder fischt sie Bonbons aus dem Glas und drückt energisch auf die Klingel, falls Lehrling und Geselle in der Werkstatt die Ankunft eines neuen Kunden überhören. Zwischendurch kassiert sie und nimmt die telefonischen Getränke-Bestellungen entgegen.

In der Nachbarschaft liefert seit acht Jahren der geistig behinderte Friedhelm Graber die Getränkekisten aus. «Der kommt bei den Leuten gut an, weil er immer freundlich ist», freut sich Milz- Caspar. «Er hat sich in den Jahren gut entwickelt, früher hat er nicht mal eine Adresse zwei Häuser weiter gefunden.»

Der 54-Jährige Milz-Caspar ist selbst nach seiner Lehre in dem Traditionsbetrieb Mitglied der Essener Zapfsäulen-Dynastie geworden. «Mein Chef hat mich adoptiert - das war für ihn als Junggesellen die Alterversicherung und ich hatte die Tankstelle.» Auch er legt großen Wert auf die Lehrlings-Ausbildung - mit Erfolg. Im vergangenen November schloss seine Auszubildende Melanie Schulz als Landesbeste ihre Prüfungen ab.

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