Afghanische Familie flieht im Bombenkrieg aus Kabul
"Wir konnten es nicht mehr ertragen"

Die meisten von ihnen sind schon seit Wochen hier. Jeden Tag stehen hunderte Afghanen vor dem UN-Büro in Peshawar Schlange. In der pakistanischen Stadt lassen sie sich als Flüchtinge registrieren und beantragen Hilfe. Der 24-jährige Mohammad Asif, der zusammen mit 2000 Landsleuten vor dem Flüchtlingshilfswerk wartet, ist gerade erst über die Grenze gekommen.

afp PESHAWAR. Mit seiner Mutter und drei Geschwistern sah er drei Wochen lang US-Bomben auf die Hauptstadt Kabul fallen. "Wir konnten es nicht mehr ertragen", sagt Asif. Er verkaufte die letzten Habseligkeiten und machte sich mit seiner Familie auf den langen beschwerlichen Weg nach Pakistan.

"Als am Abend der Strom ausfiel, wussten wir, dass die Bombardements gleich weitergehen würden", erzählt Asif. "Mein kleiner Bruder war zu Tode erschreckt, verrückt vor Angst, er hat sich an mich geklammert." Die Lebensbedingungen in Kabul seien schlecht gewesen, aber das habe den Ausschlag für seine Flucht gegeben, sagt der junge Tadschike. Mit 24 Jahren ersetzt er seinen Vater als Familienoberhaupt. Dieser wurde im Bürgerkrieg in den 90er Jahren von einer Rakete getötet, als sich der Usbekengeneral Raschid Dostam und der damalige Verteidigungsminister Achmed Schah Massud in Kabul bekriegten.

Danach gab Asif sein Studium auf und verkaufte Gemüse in den Straßen der Hauptstadt, um die Familie zu ernähren. Mit ruhiger Stimme beschreibt er die schwierige Flucht ins benachbarte Pakistan. "Wir haben alles für die Überfahrt verkauft." 1000 Rupien wollten die Menschenschmuggler pro Person, das machte für die ganze Familie umgerechnet etwa 175 Mark (90 Euro) - ein Vermögen für die Asifs.

Zusammen mit seiner 55-jährigen Mutter, den beiden Brüdern im Alter von sieben und 15 Jahren und der 14-jährigen Schwester stieg Mohammad am frühen Morgen in einen Bus voller Flüchtlinge. Am Abend erreichten sie Schamschad Ghar, ein kleines afghanisches Dorf in der Nähe des Grenzpostens Torcham. "Dort wurden wir an andere Leute übergeben, an Pakistaner", berichtet Asif. "Wir hatten keine Ahnung, wer die bewaffneten Leute dort waren", erinnert sich der 24-Jährige. "Man hatte uns geraten, nicht dort zu bleiben, weil sie uns das Geld nehmen oder die jungen Mädchen vergewaltigen könnten."

Also marschierten sie zwei Stunden lang durch die Berge. Schließlich habe ein Geländewagen die erschöpfte Familie aufgelesen und über abenteuerliche Straßen ins pakistanische Bara gebracht. "Um ein Uhr morgens sind wir dort angekommen", berichtet Asif. Da waren sie noch 20 Kilometer von ihrem Ziel Peshawar entfernt. Dort quartierte sich die Flüchtlingsfamilie zunächst bei Verwandten ein. Jetzt ist Asif auf der Suche nach einer eigenen Unterkunft. Ohne Hab und Gut und zusammen mit tausenden Landsleuten, die alle vor dem Krieg in der Heimat geflohen sind.

Asif will mit seiner Familie zurück nach Afghanistan, weiter leben in seiner Heimatstadt. Mit der Herrschaft der Koranschüler, die seit fünf Jahren in Kabul regieren, ist er nicht zufrieden. "Religiös gesehen habe ich nichts gegen die Taliban", sagt er. "Aber das Problem ist, dass sie alle dazu bringen wollen, genau das zu tun, was sie verlangen. Viele mögen das nicht." Außerdem habe er die Taliban noch keine Krankenhäuser, Schulen, Brücken oder Straßen bauen sehen, klagt Asif. Und dann kam der Krieg: "Jede Nacht auf die Bomben warten, das konnten wir nicht mehr ertragen." Wem er die Schuld geben soll, weiß der 24-Jährige nicht: "Den Taliban oder den Amerikanern, ich weiß es nicht. Wir wollen doch nur den Frieden. Wir wollen nur in unserem Vaterland leben.

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