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Afghanische Musiker warten auf Sturz der Taliban

Saleh Mohammad kann den Sturz der fundamentalistischen Taliban-Regierung in Afghanistan kaum erwarten. Dann hätte er vielleicht die Chance, die Miete für sein kleines, schäbiges Zimmer zu bezahlen. Denn Mohammad ist Sänger und die Taliban haben Musik, Gesang und Tanz verboten.

Reuters QUETTA. "Ich kann die Miete für dieses erbärmliche Zimmer nicht bezahlen. Hier in der Gegend leben etwa 100 bis 120 Musiker und wir wissen nicht, wie wir uns unser nächstes Essen verdienen sollen", sagt Mohammad.

1977 hat Mohammad seine Heimat Afghanistan verlassen, um in der pakistanischen Grenzstadt Quetta sein Glück zu suchen. Nicht aus politischen Gründen, sondern weil Quetta eine bessere Zukunft zu versprechen schien. Anfangs liefen die Geschäfte gut. Mohammad trat im Radio und Fernsehen auf, seine Lieder erschienen auf Kassette und CD. Er sang zusammen mit anderen Musikern auf Hochzeiten, sowohl in Pakistan, wie auch in seinem benachbarten Heimatland Afghanistan.

Das änderte sich 1996, als Pakistan den Taliban half, in Afghanistan an die Macht zu kommen. Die Taliban haben Musik, Fernsehen und Tanz verboten, weil sie nicht in ihre 1300 Jahre alte Vision eines moslemischen Gottesstaates passen. Seitdem dürfen die Musiker in Afghanistan nicht mehr auftreten.

"Sie fragten uns, ob wir Moslems seien"

Seit die USA ihre Luftangriffe auf Afghanistan begonnen haben, lehnen auch radikale Moslems in Pakistan öffentliche Unterhaltung ab. Vergangene Woche verhinderten moslemische Geistliche einen Auftritt von Mohammad und fünf weiteren Musikern nahe der afghanischen Grenze, noch bevor er begonnen hatte. "Sie fragten uns, ob wir Moslems seien und warum wir keine Ehrfurcht vor Gott zeigten", sagt Mohammad.

23 Jahre Bürgerkrieg in Afghanistan haben in der einheimischen Musik ihre Spuren hinterlassen. Nasir Khan Kakar besitzt einen der Musikläden in Quetta, die mit großen Lautsprechern die Straße beschallen. "Afghanische Musikgruppen brechen auseinander. Sie versuchen dann mit neuen, untalentierten Leuten in Pakistan Fuß zu fassen, aber es ist nicht dasselbe", sagt Nasir. Von den billig produzierten Aufnahmen können die Musiker nicht Leben. Sie bekommen vorab etwa 200 Mark und keine Tantiemen aus dem Verkauf.

Doch die Musik enthalte eine tiefe Wahrheit, sagt Nasir. Er legt eine Kassette ein. "Hören Sie zu. Die Musik sagt: Die Afghanen sind hartnäckig, sie lassen sich nicht unter Druck setzen. Niemand kann sie zwingen, das zu tun, was sie nicht wollen. Sie müssen überzeugt werden, mit Geduld und Liebe."

Die Einwohner von Quetta kaufen keine Musik mehr, die Geschäfte laufen schlecht. Sie sind besorgt um ihre Zukunft und angespannt, angesichts der Ereignisse jenseits der Grenze in Afghanistan.

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