Afghanische Opposition will von US-Angriffen profitieren
"Bald bin ich in Kabul"

Die afghanische Opposition nimmt sich nach den US-Angriffen auf Einrichtungen der Taliban nicht viel Zeit zum Jubeln. Sie rüstet zum Sturm auf die Hauptstadt Kabul. Für Kommandeur Chani sind die britischen und amerikanischen Luftangriffe der Anfang vom Ende der Taliban: "So Gott will werden die Taliban und die Terroristen in Afghanistan ausgerottet", ist sich der 30-jährige Afghane sicher.

afp TOBDARA. Chani steht im Mondschein in dem Bergdorf Tobdara. Sein Blick schweift über die Ebene bis nach Kabul. In Zehn-Minuten-Intervallen ist der Raketenlärm der Nordallianz zu höhren, Artilleriefeuer erhellt den Himmel über der Front. Schon unmittelbar nach Beginn der Luftangriffe am Sonntag waren die ersten Scheinwerfer der Militärfahrzeuge im Dunkel zu erkennen: Soldaten der Opposition auf dem Weg zur Frontlinie bei Bagram, einer Luftwaffenbasis 50 Kilometer nördlich von Kabul.

General Abdul Kassim Fahim hält seine Truppen wegen eines möglichen Bodenangriffs auf Taliban-kontrollierte Städte in Bereitschaft, wie sein Sprecher Mohammed Aschraf Nadim sagt. "Wir warten auf Befehle für General Fahim. Die Vereinigte Front versucht, den Taliban von allen Seiten den Weg abzuschneiden", teilt er über Satellitentelefon mit. Er hält sich im nordafghanischen Samangan auf. Von dort aus will die Nordallianz die Taliban-Hochburg Masar-i-Scharif stürmen. "Wir wissen nicht, wann der Angriff beginnt. Aber wir wurden angewiesen, alle Telefonverbindungen aufrecht zu erhalten", sagt Nadim.

Nach Überzeugung von Abdullah Abdullah, dem Außenminister der Nordallianz, werden die Taliban in Kürze aus Kabul vertrieben. "Sie werden sich an der Frontlinie nördlich von Kabul nicht länger als wenige Tage halten können", sagte er dem US-Fernsehsender CNN. Die Soldaten der Opposition stünden in ständigem Kontakt mit Vertretern der US-Regierung. "Wir werden unsere militärischen Strategien und Taktiken mit den US-Angriffen koordinieren", kündigte er an. "Wenn die wichtigsten Stützpunkte der Taliban zwischen der Front und Kabul zerstört sind, können unsere Soldaten vorrücken", erklärte Abdullah.

Die Taliban eroberten Kabul 1996. Die Nordallianz kontrolliert heute nur noch zehn Prozent des Landes. Wegen der westlichen Hilfszusagen in Folge der Terroranschläge in den USA, für die Washington den vermutlich in Afghanistan untergetauchten Moslemextremisten Osama bin Laden verantwortlich macht, fasst die Opposition wieder Mut. Seitdem die ersten tausend US-Elitesoldaten ins benachbarte Usbekistan entsendet und nördlich von Samangan stationiert wurden, wird die Nordallianz in die US-Planungen einbezogen.

"Dutzende" US-Hubschrauber haben laut Nadim am Sonntag den Flughafen von Masar-i-Scharif angegriffen. Wichtigstes Ziel der Opposition werde in den kommenden Tagen sein, die Straße von Kabul nach Masar-i-Scharif zu blockieren und so wichtige Versorgungslinien der Taliban abzuschneiden. Dies werde auch den Angriff auf Kabul erleichtern. Zahlreichen Beobachtern zufolge sind die Taliban nicht in der Lage, an mehreren Fronten gleichzeitig zu kämpfen. Falls eine der größeren Städte der Opposition in die Hände falle, könne die Taliban-Miliz schnell auseinanderfallen, sagen sie.

Angesichts einer möglichen Niederlage des Feindes grinsen die Kämpfer der Nordallianz voller Stolz: "Es sieht so aus, als liefen die Taliban aus Kabul weg. Sie haben Angst", sagt Nuridin. "Die USA werden sie angreifen, und sie werden hinweggefegt", fügt er hinzu. Der 35-jährige Mohammed Asif, der seit seiner frühesten Jugend im Bürgerkrieg kämpft, freut sich: "Bald bin ich in Kabul", sagt er voller Zuversicht.

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