Afghanistan
In den Staub

Ein Besuch in Kundus zeigt: Die Stadt ist sicher.

Kundus ist Staub. An manchen Tagen, wenn ihn der Wind vom Hindukusch in die Ebene fegt, liegt er wie ein dichter Schleier über der Stadt. So dicht, dass die Menschen ihre Tücher um Mund und Nase schlingen, dass die Pferde die Arbeit verweigern und die Autos mit verstopften Luftfiltern stehen bleiben. An solchen Tagen werden die Bundeswehrsoldaten Kundus verfluchen. Sie werden sich in ihr Camp zurückziehen und sich fragen, was sie an diesem gottverlassenen Platz zu suchen haben. Dann werden sie das Satellitenfernsehen einschalten und ein Bier trinken. Oder zwei. Oder drei.

Aber dafür ist Kundus sicher. So sicher, wie eine 120 000-Einwohner-Stadt in Afghanistan eben sein kann. Nie ganz sicher, aber doch ziemlich. Eben das ist das Schöne an Kundus, und es ist gleichzeitig das Problem. Die bis zu 450 Soldaten, die die Bundesregierung auf Schutzmission in den Norden Afghanistans schicken will, haben dort nicht viel zu befürchten. Und deshalb weiß niemand so genau, warum sie eigentlich kommen.

Also ist man freundlich in Kundus. Der Vizegouverneur preist die Deutschen in den höchsten Tönen. Er spricht von "Dankbarkeit", von den "wunderbaren Beziehungen beider Länder" und der "Freundschaft". Aber weshalb die Deutschen ausgerechnet nach Kundus kommen müssen, sagt Saed Dawoud Hascheme nicht.

Es gibt dort bereits Wiederaufbauhelfer, ein mehr als 100-köpfiges Team aus den USA. Die haben zwar noch nicht allzu viel auf die Beine gestellt, sieht man von Reparaturarbeiten an einer Schule und einem Krankenhaus ab. Aber ihre Präsenz hat die Stadt zu einem Hort der Sicherheit gemacht. Denn dass die GIs nicht lange fackeln, wenn sich dunkle Gestalten auffällig benehmen, hat sich herumgesprochen. Für Kriminelle ist Kundus nicht das ideale Pflaster. Der Aufräumjob ist schon vergeben.

"Wenn man sich in Afghanistan engagieren möchte, dann ist Kundus der beste Platz dafür", ringt sich einer dieser Amerikaner, Colonel Frederic Tawes, nach Stunden einen zitierfähigen Satz ab. Tawes kommandiert das amerikanische Wiederaufbauteam. Mehr will er nicht sagen, mehr darf er nicht. Kein Wort zum Wieso, Weshalb, Wie lange. Tawes steht stramm vor seiner Festung, die mit dicken Stacheldrahtrollen bewehrt ist, mit einem Wachturm und mit einer Straßenblockade aus alten Panzerketten. Darin hat sich zur Belustigung der Umstehenden gerade ein Toyota Corolla festgefressen.

Tawes ist ein braver Soldat, er will keinen Ärger mit seinen Vorgesetzten auf der fernen Bagram Airbase. Also lässt er den Wartenden eine Flasche kaltes Wasser in die Hitze vor sein Fort bringen. Aber er sagt nicht, ob die Amerikaner bleiben und warum Kundus für die Deutschen gut ist.

Dafür redet General Daoud Farhari, neben dem Usbeken-Kommandeur Raschid Dostum eine der schillerndsten Gestalten des afghanischen Nordens. Daoud ist ein Warlord, er kommandiert in den Provinzen Kundus, Baghlan, Tahar und Badahsan vier Divisionen mit mehr als 30 000 Mann. Aber er ist regierungstreu. Der Grund ist einfach: Sein Chef aus den Zeiten der Nordallianz ist Mohammed Fahim, und der ist afghanischer Verteidigungsminister. Fahim ist der starke Mann Afghanistans, unter ihm sei Hamid Karsai Präsident, sagt man.

Für die Deutschen in Kundus ist das gut, zumindest solange Fahim nicht aus der Reihe tanzt. So lange wird Ruhe herrschen. Auch deshalb sagt der jugendlich wirkende General Daoud nur Nettes über die Bundeswehr. "Sie kommen hier vor allem für den Wiederaufbau", rückt er die Verhältnisse zurecht. "Die Kontrolle der Sicherheit liegt in unserer Hand." Dann zieht er sich die Trainingshose an und geht zum Volleyballspielen.

Daouds Leute haben es sich in Kundus auf einer kleinen Anhöhe gemütlich gemacht. Von dort überblicken die Soldaten die Ebene rund um die Provinzstadt. Nur 65 Kilometer entfernt im Norden liegt Tadschikistan, im Süden grüßen die Gipfel des Hindukusch. Fein säuberlich aufgereiht, stehen auf dem Gelände sowjetische Beutestücke, Panzer der Typen T 54, T 55 und T 62 sowie reichlich Munition. Am höchsten Punkt haben sich die Kommandeure ein kleines Paradies geschaffen. Unter einem Strohdach weht ein angenehmer Luftzug, die Dauerbewässerung einer Reisighecke wirkt wie eine natürliche Klimaanlage, ein Satellitenfernseher sorgt für Kurzweil im trägen Beobachtungsalltag. "Amerikaner", sagt ein Panzeroffizier, "hatten wir hier oben noch nie." Die sollen unten in ihrem Fort aus Lehm schwitzen und einstauben. Ein Mannschaftsdienstgrad bringt Tee und Gebäck. Über Kundus liegt tiefer Frieden.

Dass den niemand stört, hat auch mit den politischen Verhältnissen zu tun. Fahims Jamiat-i-Islami ist die dominierende Partei der Provinz. Gerüchte, dass sich der ewige Störenfried Gulbuddin Hekmatyar in den Nordosten begeben habe, blieben unbestätigt.

Manchmal, wenn sich Staub und Hitze etwas verzogen haben, kann Kundus auch seine schönen Momente haben. Dann sehen die bunt verzierten Pferdedroschken aus wie in den Märchen aus 1001 Nacht, dann taucht das Abendrot die Basare in mildes Licht, und das Geschirrgeklapper in den Teehäusern klingt wie orientalische Musik.

Die Region ist reicher als die meisten Gebiete Afghanistans. Wer aus der Höhe des Hindukusch in die Ebene fährt, der ist überwältigt von den grünen Feldern. Bei ausreichend Regen und guter Ernte liefern die Nordprovinzen 40 Prozent des Weizens für das ganze Land. Und nach Jahren der Dürre war die letzte Ernte äußerst ergiebig. In Kundus verhungert niemand.

Die Bedeutung der Region für die Entwicklung Afghanistans haben auch die NGOs erkannt, die nicht staatlichen Hilfsorganisationen. Praktisch sämtliche Unterorganisationen der Vereinten Nationen sind da, vom World Food Programme bis zur Unicef; daneben andere wie das Schwedische Komitee für Afghanistan oder die Deutsche Welthungerhilfe. Die Deutschen organisieren Wasserprojekte, zum Beispiel den Schutz gegen das jährliche Hochwasser oder den Bau von Trinkwasserbrunnen.

Die NGOs sind auch deswegen da, weil es sicher ist in Kundus. "Wäre ich an der Stelle der Bundeswehr, dann würde ich genau dahin gehen, wo sich die NGOs nicht hinwagen", sagt Stefan Recker, vor Ort Chef von 80 Mitarbeitern der Welthungerhilfe. Recker fühlt sich "schon jetzt ohne Bundeswehr sicherer als später mit". Eine massive ausländische Militärpräsenz könne Kundus zum Ziel von El Kaida oder Taliban machen.

Markus Ziener ist Korrespondent in Washington.
Markus Ziener
Handelsblatt / Korrespondent
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