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Afghanistan-Konferenz steht vor Abschluss

Die Afghanistan-Konferenz auf dem Bonner Petersberg könnte nach Einschätzung von Teilnehmern am Samstag erfolgreich zu Ende gehen. "Wir arbeiten auf eine zusammenfassende Einigung bis morgen hin", sagte UNO-Sprecher Ahmed Fawzi am Freitag in Bonn.

rtr BONN. Auch die afghanischen Delegationen zeigten sich optimistisch. Die überraschende Abreise eines Paschtunenführers aus der Verhandlungsgruppe der Nordallianz dürfte die Konferenz nicht gefährden, sagten Teilnehmer. Auch Äußerungen des amtierenden Afghanischen Präsidenten Burhanuddin Rabbani von der Nordallianz, die den bisherigen Gesprächsergebnissen in Bonn teilweise zuwider liefen, wurden als ungefährlich eingestuft. Die US-Luftwaffe flog weiter Angriffe auf die südafghanische Stadt Kandahar, die letzte Bastion der radikal-islamischen Taliban.

Im Zentrum der Beratungen stand am Freitag die Zusammensetzung eines Übergangsparlaments und einer Übergangsregierung für Afghanistan. Eine fertige Namensliste für beide Gremien gab es nach den Worten von Fawzi am Freitagnachmittag aber noch nicht. Neben der Diskussion über die Übergangsstrukturen sei die ebenfalls zentrale Sicherheitsfrage etwas in den Hintergrund gerückt. "Dieses Thema ist bislang noch nicht im Detail diskutiert worden", sagte er. Am Donnerstag war in dieser Frage ein erster Fortschritt erzielt worden, nachdem die Nordallianz ihre anfängliche Ablehnung einer internationalen Friedenstruppe aufgegeben hatte.

Die am Morgen bekannt gewordene Abreise eines Paschtunenführers beurteilte Fawsi als ungefährlich für den Ausgang der Konferenz. Das sei in erster Linie eine Sache der Nordallianz selbst. Offensichtlich habe Kadir seine Unzufriedenheit über die unzureichende Beteiligung von Paschtunen an der Konferenz ausdrücken wollen. "Die Show geht weiter", sagte er. Die Paschtunen bilden die größte Bevölkerungsgruppe in Afghanistan.

Über die Zukunft Afghanistans diskutieren neben der Nordallianz die "Rom"-Gruppe um den Ex-König Mohammed Sahir Schah, die aus Exil-Afghanen bestehende "Zypern"-Gruppe und die nach einem pakistanischen Verhandlungsort benannte "Peschawar"- Gruppe. Die Nordallianz stellt wegen ihrer militärischen Machtposition die größte der vier Delegationen. Die inzwischen aus weiten Teilen Afghanistans vertriebenen Taliban gründete ihre Macht überwiegend auf die Paschtunen. Die Taliban selbst sind in Bonn nicht vertreten.

Der nominelle afghanische Präsident und Chef der Nordallianz Burhanuddin Rabbani sagte in Kabul, eine Übergangsregierung müsse auf jeden Fall gewählt und nicht bestimmt werden. "Die Menschen, die das Land führen wollen, sollten mit den Stimmen des Volkes gewählt werden". In Bonn wurde für demokratische Wahlen dagegen ein Zeitraum von zwei Jahren anvisiert. Auch in der Frage einer internationalen Friedenstruppe vertrat Rabbani eine andere Ansicht als seine Bonner Delegation. 200 reichten bei einer solchen Truppe völlig aus, um die nach Kabul aus dem Exil zurück kehrenden Politiker zu schützen. In Bonn hatte Delegationsleiter Kanuni überraschend sogar erklärt, er könne sich vorstellen, dass eine Friedenstruppe auch die Grenzen Afghanistans schützen sollte, was deutlich mehr Soldaten bedeutete.

Ein Mitglied des Nordallianz-Stabes sagte, Rabbani könne keine Entscheidungen für andere treffen. "Wir begrüßen die Präsens von UNO-Friedenstruppen in Afghanistan." Fawzi zeigte sich unbeeindruckt: "Wir haben Rabbanis Wort, dass er respektieren wird, was immer bei den Gesprächen in Bonn heraus kommt." Der Sprecher des ehemaligen afghanischen Königs sagte, man respektiere die Meinung Rabbanis, sei aber anderer Auffassung. Diplomaten sagten, zwischen der "alten Garde" um Rabbani und jüngeren Politikern um Kanuni und Außenminister Abdullah Abdullah gebe es eine Art internen Machtkampf. Es sehe aber so aus, als könnten sich die jüngeren durchsetzen.

An einer Friedenstruppe für Afghanistan sollten sich nach den Worten eines Beraters des Ex-Königs auch deutsche Soldaten beteiligen. "Unsere Länder haben seit einem Jahrhundert gute Beziehungen, und Deutschland hat keine Interessen in Afghanistan", sagte Mohammed Amin Farhang der "Financial Times Deutschland" (Freitagausgabe). Ein Erfolg der Bonner Konferenz ist nach Ansicht des Auswärtigen Amts ist auch für die am 5. Dezember in Berlin beginnende neue Verhandlungsrunde der so genannten "Afghanistan Support Group" von Bedeutung. Eine Einigung über Strukturen und Sicherheit erleichtere die Hilfe erheblich, sagte ein Sprecher.

Die US-Luftwaffe setzte ihre Angriffe auf Kandahar fort, wo die Taliban-Führung nach Angaben des US- Verteidigungsministeriums in Auflösung begriffen ist. Einige Talibanführer verhandelten über eine Kapitulation, hieß es. Die USA greifen seit dem 7. Oktober Ziele der Taliban und der Organisation El Kaida des moslemischen Extremisten Osama bin Laden an. Die USA machen Bin Laden und El Kaida für die Anschläge vom 11. September verantwortlich. US-Vize-Präsident Dick Cheney sagte, Bin Laden halte sich vermutlich in einem Höhlenkomplex nahe der Stadt Dschalalabad im Osten des Landes auf. Nach Angaben des Roten Kreuzes kam es erneut zu Schießereien in einer Festung in Nordafghanistan. Bei einer Revolte auf dem Gelände waren zuvor hunderte Taliban-Kämpfer und Mitglieder der El Kaida getötet worden.

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