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Afrika in Lateinamerika

Ich bin seit ein paar Tagen wieder in Haiti. Einmal im Jahr versuche ich, in das Armenhaus Lateinamerikas zu reisen. Und immer hoffe ich, über den Aufbruch in demokratische und bessere Zeiten berichten zu können.

Ich bin seit ein paar Tagen wieder in Haiti. Einmal im Jahr versuche ich, in das Armenhaus Lateinamerikas zu reisen. Und immer hoffe ich, über den Aufbruch in demokratische und bessere Zeiten berichten zu können. Seit meinem letzten Besuch in Haiti ist tatsächlich einiges passiert. Die Sicherheitslage hat sich deutlich verbessert, und die UNO geht davon aus, dass die Wahlen jetzt jederzeit stattfinden können. Bisher sind sie schon vier Mal verschoben worden. Organisatorisches Chaos und vor allem anhaltende Gewalt waren die Gründe, warum bisher in dem unterentwickeltsten Land Amerikas die Abstimmung nicht zu Stande kam.

Nun soll Mitte Dezember gewählt werden, auch wenn die Bedingungen für Wahlen nicht völlig gegeben sind. Aber der 71 Jahre alte Hochschullehrer und UN-Bürokrat Gérard Latortue, der als Interims-Premierminister fungiert, will so schnell wie möglich wieder weg aus seinem Heimatland und zurück in den Schoà der UNO. Latortue wirkt in seinen Designeranzügen, den manikürten Fingernägeln und der Vorliebe für feine französische Patisserie deplaziert in einem Land, wo dreiviertel der acht Millionen Menschen nicht wissen, wie sie satt werden sollen.

Latortue steht seit dem 9. März 2004 einer Ãbergangsregierung vor, die gemeinsam mit der UN-Stabilisierungsmission MINUSTAH das Machtvakuum füllen soll, das nach dem Sturz von Präsident Jean-Bertrand Aristide entstanden war. Hauptaufgabe seiner Regierung ist es, das Land in demokratische Verhältnisse zurückzuführen. Doch Beobachter bezweifeln, dass dies der internationalen Gemeinschaft bis dahin gelingen könnte. Die International Crisis Group hat bereits vor längerem die fehlende Sicherheit im Land als gröÃtes Hindernis eines demokratischen Wechsels ausgemacht. GröÃtes Manko sei die Entwaffnung von Banden und ihre Wiedereingliederung in die Gesellschaft. Entwicklungshelfer beklagen zudem die extreme Zunahme von Diebstählen, Entführungen und Raubmorden. Sogar Medikamententransporte für KrankenhÃ&c urren;user im Landesinnern werden häufig überfallen.

Besonders schwierig ist die Situation in Port-au-Prince. In den Armenvierteln der Hauptstadt herrschen die âChimères-Bandenâ, die sich als Anhänger von Aristide bezeichnen. Staatliche Ordnungsmacht ist dort abwesend, und die MINUSTAH wagt sich nur in gepanzerten Fahrzeugen in diese Stadtteile. Allerdings ist inzwischen nicht mehr klar zu trennen, was politische Gewalt und was gewöhnliche Kriminalität ist. Zumal sich die Lebensverhältnisse der Menschen seit der Stationierung der UNO vor rund 20 Monaten nicht verbessert haben. Haiti ist mit Abstand das ärmste Land der westlichen Hemisphäre und gleicht einem Stück Afrika in Lateinamerika. Auf dem Entwicklungsindex der Vereinten Nationen findet sich die Inselrepublik auf Platz 146 von 175 Staaten. Schlechter geht es den Menschen nur in Ländern wie Liberia oder Sierra Leone.


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