Agenten kämpfen um Saddams Geheimdienst-Archiv
Viele Spuren aus Bagdad führen nach Moskau

Der Vorwurf der USA, Syrien habe Waffenlieferungen in den Irak zugelassen, trifft auch Russland. Firmen aus der Ex-Sowjetunion haben offenbar bis kurz vor Kriegsausbruch das Regime von Saddam Hussein mit Waffen beliefert. Auch irakische und russische Geheimdienste haben eng kooperiert.

MOSKAU. In den Straßen von Bagdad scheint der Kalte Krieg neu aufzuleben: Russische Agenten ringen mit amerikanischen und britischen Geheimdienstlern um die Hinterlassenschaft des irakischen Sicherheitsapparats. Moskau hatte wenige Wochen vor Kriegsausbruch sein Botschaftspersonal durch Mitarbeiter des Auslandsgeheimdienstes SWR und der Militäraufklärung GRU verstärkt. Einen entsprechenden Bericht der gewöhnlich gut informierten Moskauer "Nesawissimaja Gasjeta" bestätigte ein russischer Mitarbeiter des israelischen Geheimdiensts Mossad dem Handelsblatt.

Das Ziel der russischen Aufklärer war demnach, möglichst alle wichtigen Akten aus der Bagdader Zentrale des Al-Makhabarat al-Iraqi genannten Geheimdienstes, den Saddams Sohn Kusai geleitet hat, in die russische Botschaft auszulagern. Damit wollten sich SWR und GRU offenbar das irakische Agentennetz in der Welt sichern. Ob und wie viel Geheimdienstmaterial Moskau in Bagdad in die Hand bekommen und außer Landes schaffen konnte, ist offen. Aber seitdem vor zwei Wochen die aus Bagdad in Richtung Syrien fahrende Autokolonne der russischen Botschaft von US-Soldaten und irakischen Truppen beschossen worden war, halten sich in Moskau hartnäckige Gerüchte: Neben dem russischen Botschafter könnten sich auch Geheimakten in den Wagen befunden haben und vielleicht sogar wichtige Mitglieder des Regimes.

Dass sich Angehörige des Saddam-Clans nach Russland abgesetzt haben, ist nicht völlig ausgeschlossen. So sind zum Beispiel auch die in Serbien gesuchte Frau des gestürzten Machthabers Slobodan Milosevic, Mirjana Markovic, und ihr Sohn Marko in Moskau untergetaucht.

Auf jeden Fall hatten die Russen ausgezeichnete Kontakte zum irakischen Regime. Der KGB half nicht nur seit 1973 beim Aufbau irakischer Dienste. Akten-Funde amerikanischer und britischer Zeitungen in Bagdad belegen auch, dass Iraks Geheimdienste bis zuletzt mit Kollegen aus Russland eng kooperiert haben. Demnach haben die Moskauer Dienste irakische Geheime ausgebildet und die Makhbarat-Zentrale mit Informationen versorgt - auch über Gespräche westlicher Politiker, die vom SWR offenbar abgehört wurden. Der US-Botschafter in Moskau, Alexander Vershbow, sagte, sein Land habe von der Spionage-Kooperation zwischen Russland und dem Irak gewusst.

Der Irak und Syrien wurden zudem illegal mit Waffen aus der ehemaligen Sowjetunion versorgt. Die Geschäfte wurden oft mit Abzweigungen aus dem Uno-Programm "Oil-for-Food" abgewickelt. Ein Manager einer europäischen Großbank, der namentlich nicht genannt werden darf, bekam bei Geschäften mit russischen Ölkonzernen einen Einblick: "Die Russen bekamen besonders viele Kontrakte, weil sie hohe Gegenleistungen garantierten, vor allem in Form von Waffenlieferungen. Nur deshalb haben sich auch Ölförderlizenzen von Saddam bekommen."

Ein europäischer Diplomat in Moskau, der ebenfalls anonym bleiben möchte, bestätigt die Angaben: Die 200 im Irak arbeitenden russischen Firmen, die irakisches Erdöl international vermarktet und dafür Waren in das Land geschafft haben, hätten Millionen Schmiergelder für Verträge bezahlt. Darunter sei auch Emercom gewesen, eine russische Regierungsfirma, die die Vorwürfe freilich zurückwies.

Syrien kam demnach immer wieder ins Spiel, wenn es um die Lieferungen von Waffen aus Russland, der Ukraine und Weißrussland gegangen sei. Dabei seien Teile der Lieferungen in Syrien geblieben, die Masse aber in den Irak weiterverfrachtet worden. Illegale Lieferungen von Rüstungstechnik seien vor allem von ukrainischen Schwarzmeer-Häfen aus oder über Transportflugzeuge aus der abtrünnigen moldawischen Dnjestr-Republik nach Syrien und in den Irak gelandet. Das berichtete das russische Investigativ-Magazin "Wersija" unter Berufung auf russische Geheimdienstquellen. Die Ukraine habe nicht nur das Nutzen von Häfen in Odessa und Illitschewsk durch Waffenhändler aus Russland und vom Dnjestr geduldet. Eine parlamentarische Untersuchungskommission kam zu dem Schluss, dass Mitglieder des Kiewer Präsidialamts für illegale ukrainische Rüstungsexporte kassiert haben.

Aus Weißrussland wurden modernste Waffen wie fahrbare Raketenabschuss-Anlagen als Lastwagen und Trecker deklariert und in den Irak geliefert. Das bestätigte ein westlicher Diplomat in Minsk dem Handelsblatt. Die USA werfen Weißrussland vor, irakische Militärs ausgebildet zu haben und Waffensysteme in den Irak geliefert zu haben. So seien hochmoderne S- 300-Raketenabwehrsysteme und russische Störsender gegen satellitengelenkte Raketen nach Bagdad gelangt. die Frage auf, ob der Kreml nicht doch Saddams Regime unterstützt hat: So zeigte die Moskauer Internet-Zeitung "Gaseta.ru" Fotos, auf denen der irakische Verteidigungsminister Sultan Hashim Ahmed in Bagdad zwei russische Generäle auszeichnet - angeblich 10 Tage vor Kriegsbeginn.

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Syrien ist nach eigenen Angaben mit den USA im Gespräch, um die Vorwürfe aus Washington zu klären, Damaskus biete Mitgliedern des Regimes von Saddam Hussein Zuflucht. Man nutze eine "ruhige und konstruktive Diplomatie", sagte eine Sprecherin des syrischen Außenministeriums. Präsident Baschar el Assad versicherte dem spanischen Premier José María Aznar telefonisch, er werde nichts unternehmen, was der Stabilität im Nahen Osten schaden könne. Syrien wolle dazu beitragen, den Nahost-Friedensprozess wieder in Gang zu bringen. Nach Ansicht spanischer Diplomaten deutet dies darauf hin, dass Syrien der gestürzten Führung des Iraks keine Zuflucht gewähren will

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Auch Israel relativierte die Gefahr, die vom Nachbarland Syrien ausgeht. Damaskus hat nach den Worten von Premier Ariel Scharon zwar "große Bestände an chemischen Waffen und auch Trägerraketen, aber ich glaube nicht, dass wir einen syrischen Angriff befürchten müssen.

Quelle: Handelsblatt

Der Hamburger ist nach Stationen als Auslandskorrespondent in Moskau, Brüssel und Warschau jetzt Auslandschef des Handelsblatts. Er interessiert sich besonders für Osteuropa, die arabische Welt und Iran.
Mathias Brüggmann
Handelsblatt / Korrespondent
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