Aggressive Expansion wird zum Risiko
Osteuropa-Geschäft belastet Banken

Mit einer aggressiven Expansionsstrategie sind Banken aus dem Euro-Raum in den vergangenen Jahren in die Märkte Zentral- und Südosteuropas vorgestoßen. Länder wie Bulgarien, Rumänien, die Ukraine, Russland und die Türkei versprachen schnelles und nachhaltiges Wachstum. Jetzt erst zeigen sich die Risiken dieser Strategie.

ATHEN. Mit Zentral- und Südosteuropa ist die einstige Boom-Region besonders stark von der Finanzkrise betroffen. Die vermeintliche Goldgrube droht für die Banken zum Milliardengrab zu werden. Äußerte EZB-Chef Jean-Claude Trichet noch Anfang Oktober die Hoffnung, die europäischen Schwellenländer könnten im kommenden Jahr der Euro-Zone bereits wieder Wachstumsimpulse geben, geraten diese Staaten jetzt immer tiefer in den Strudel der Krise - und drohen die Banken mitzureißen. Mit Ungarn musste erstmals ein EU-Staat Hilfe des Internationalen Währungsfonds (IWF) und der Weltbank in Anspruch nehmen, um seinen Zahlungsverpflichtungen weiter nachkommen zu können.

Krisenanfällig sind die Volkswirtschaften vieler Schwellenländer in Zentral- und Osteuropa vor allem wegen ihrer hohen Leistungsbilanzdefizite. In Bulgarien macht der Fehlbetrag 24 Prozent vom Bruttoinlandsprodukt (BIP) aus, in Serbien 16 Prozent und in Rumänien 14 Prozent. Die Defizite sind ein deutliches Indiz dafür, dass diese Länder in den vergangenen Jahren über ihre Verhältnisse gelebt haben - auch beim privaten Konsum, der von den Banken bereitwillig finanziert wurde. Weil die Anleger jetzt das Vertrauen verlieren, ziehen sie Gelder aus diesen Märkten ab. Die Folge: die Börsen stürzen ab, die Währungen kommen unter Druck und die Leistungsbilanzdefizite steigen noch weiter - ein Teufelskreis.

Verlockend waren die europäischen Schwellenmärkte vor allem wegen ihrer Wachstumspotenziale im Kreditgeschäft. Während die Summe der Unternehmens- und Verbraucherkredite im Durchschnitt der EU-Staaten bei 131 Prozent des BIP liegt, macht sie beispielsweise in den Balkanländern bisher im Mittel erst 35 Prozent aus. Wie von den Banken erwartet, stieg die Nachfrage nach Krediten in den vergangenen Jahren steil an. Die Einlagen hielten aber in den meisten Fällen nicht Schritt. Das wird für die Banken jetzt gleich zweifach zum Problem: sie müssen zu hohen Kosten am Interbankenmarkt refinanzieren. Und sie stehen vor hohen Ausfallrisiken, weil viele Unternehmen und Verbraucher zinsgünstige Fremdwährungskredite aufgenommen haben.

So machen in Ungarn die Darlehen in ausländischen Währungen 62 Prozent aller Verbraucherkredite aus. Bei den seit 2006 aufgenommenen Hypothekenkrediten liegt der Fremdwährungsanteil sogar bei 90 Prozent und entspricht 20 Prozent vom BIP. In Rumänien hat sich das Volumen der Fremdwährungskredite in den vergangenen zwei Jahren von zwölf auf 36 Mrd. Dollar verdreifacht. In Polen liegen 80 Prozent der Hypothekenkredite in Fremdwährungen aus, vor allem in Schweizer Franken. Wegen des Verfalls der meisten Schwellenländerwährungen drohen jetzt viele dieser Kredite notleidend zu werden. So hat die türkische Lira im vergangenen Monat gegenüber dem Dollar um 24 Prozent an Wert verloren, der polnische Zloty 17 Prozent und die ukrainische Hrywnja 22 Prozent.

Eine rasche wirtschaftliche Erholung ist für die Region nicht in Sicht. Nora Szentivanyi, Analystin bei JP Morgan, rechnet damit, dass die Rezession in den europäischen Schwellenländern bis weit ins Jahr 2010 anhalten wird. Ungarn und die Ukraine dürften nach Einschätzung von Analysten nicht die einzigen Staaten bleiben, die auf Hilfe des IWF und der Weltbank zurückgreifen müssen. Auf die gegenwärtigen Turbulenzen werden jedoch nach Einschätzung mancher Banker bessere Zeiten folgen: die Länder Südosteuropas würden langfristig auf Wachstumskurs bleiben, meint die Bayerische Landesbank, deren Tochter Hypo Group Alpe Adria deshalb auch im nächsten Jahr ihr Filialnetz in der Region weiter ausbauen will.

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