Agnelli am Ende?
Die letzte Stunde des Familienkapitalismus

Auch wenn der Agnelli-Clan noch immer wie ein Staat im Staate agiert, bröckelt seine Macht.

 

TURIN. Der "Duce" war verärgert: Fiat solle endlich aufhören, sich zu benehmen wie eine mit dem Regime, der Dynastie und der Kirche gleichgestellte Institution. Der Wutausbruch des faschistischen Diktators Benito Mussolini macht deutlich, welche Macht das wichtigste Industrieunternehmen Italiens bereits 25 Jahre nach seiner Gründung im Jahre 1899 erlangt hatte.

Und heute? Es gibt Indizien, dass die Gründerfamilie Agnelli noch immer einen Staat im Staate darstellt. So wurde der erste Außenminister der Regierung Berlusconi, Renato Ruggiero, erst auf ausdrücklichen Wunsch des "Avvocato" Gianni Agnelli installiert. Wenige Tage nach der Wahl im vergangenen Frühjahr besuchte die graue Eminenz des Fiat-Clans gemeinsam mit Ruggiero und dem ebenfalls mit der Familie verbundenen Ex-US-Außenminister Henry Kissinger den Premier. Danach stand fest: Der Agnelli-Vertraute sollte in der entstehenden Regierung der rechen Mitte eine Schlüsselrolle spielen.

Doch nicht nur Berlusconi hat die Macht aus Turin zu spüren bekommen. Dank der Keule, Arbeitsplätze abbauen zu müssen, hatten diverse Vorgängerregierungen bereits verkappte Subventionen etwa in Form von Verschrottungsprämien auf Altautos genehmigt. Dadurch konnte die wahre Krise bei Fiat Ende der 90er-Jahre verschleiert werden.

Die zahlreichen politischen und wirtschaftlichen Verbindungen der Industriellenfamilie, die in Europa vielleicht nur noch mit den Wallenbergs in Schweden vergleichbar ist, lässt die Agnellis unberührbar erscheinen. Schließlich sitzen Abgesandte des Konzerns nicht nur in einer Vielzahl von Entscheidungsgremien führender italienischer Konzerne. Der Avvocato selbst ist auch Senator - also Mitglied der oberen Parlamentskammer -, und das auf Lebenszeit.

Dennoch ist der Glanz, der von den Agnellis ausgeht, nicht nur wegen schlechter Konzernbilanzen in den vergangenen Jahren verblasst. So erinnert Franco Amatori, Professor für Wirtschaftsgeschichte an der Universität Bocconi in Mailand, an die fatalen Folgen der Verquickung des Konzerns in einen Schmiergeldsumpf, der Anfang der 90er-Jahre aufgedeckt worden war. Top-Manager wanderten auf die Anklagebank. Agnelli verlor das Präsidentenamt im Arbeitgeberverband Confindustria.

Allerdings sinken große Schiffe nur langsam. Fiat macht mit einem Umsatz von 58 Mrd. Euro noch immer knapp 5% des italienischen Bruttoinlandsproduktes aus. Insgesamt sollen direkt und indirekt rund eine Million Arbeitsplätze am Konzern hängen. Die Krise und drohende Verkäufe von Tochterunternehmen werden daher von Öffentlichkeit und Politik mit äußerster Sensibilität wahrgenommen. So sagte dieser Tage Arbeitsminister Roberto Maroni: "Ich bin über die Strategien von Fiat sehr besorgt, da negative Effekte auf die Beschäftigung zu befürchten sind." Und Gewerkschaftsführer Luigi Angeletti malt sogar ein Horrorszenario an die Wand: "Ein Verkauf der Autosparte an General Motors wäre eine nationale Katastrophe."

Dennoch dürfte genau dieser Verkauf der einzige Ausweg aus der Krise sein. Nur so könnte der Kosten treibende Familienkapitalismus unwiderruflich zu Ende gehen. "So große Konzerne wie Fiat können nicht mehr von einer Familie geführt werden", glaubt Amatori. Der Ökonom vertritt die Ansicht, dass Fiat seine großen Chancen in den 80er- und 90er-Jahren, mit Ford Europe oder mit Daimler-Chrysler zu fusionieren, ausschließlich aus familiären Gründen nicht wahrgenommen hat. "Stattdessen wurde eine Verliererallianz mit GM geschmiedet, um den Status quo zu zementieren." Doch jetzt sei nicht einmal dieses Ziel mehr realistisch.

Von MARCELLO BERNI, Handelsblatt

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