Agrarbetriebe können nicht mit Entschädigungen rechnen
Mindestens 60 Betriebe von Dioxin-Skandal betroffen

Der Thüringer Skandal um dioxinbelastetes Futter erfasst bundesweit immer mehr Landwirte. Mindestens 60 Betriebe seien gesperrt, darunter 25 in Thüringen und etwa 35 in Sachsen, Niedersachsen, Brandenburg, Sachsen-Anhalt und Bayern, sagte Thüringens Landwirtschaftsminister Volker Sklenar (CDU) am Dienstag in Erfurt.

HB/dpa ERFURT/BERKIN. Trockenschnitzel seien auch nach Hessen gegangen. Die Behörden in Rheinland-Pfalz verhängten nach Angaben aus Mainz ein Schlachtverbot für zwei Bauernhöfe.

Sklenar sagte, neben den 1200 Tonnen dioxinbelasteter getrockneter Backwaren würden 900 Tonnen Rübenschnitzel aus dem Apoldaer Mischfutterwerk auf Dioxinbelastung getestet. Mit dem Ergebnis werde Mitte der Woche gerechnet. Das Bundesverbraucherministerium informierte am Dienstag die EU-Kommission über den Skandal. Es habe gewisse Irritationen gegeben, warum es so lange gedauert habe, bis Thüringen die Dioxinbelastung gemeldet habe, sagte Staatssekretär Alexander Müller in Berlin. Auch über eventuell belastete Zuckerrübenschnitzel sei erst am Dienstag eine Mitteilung gekommen, obwohl sein Ministerium bereits Ende vergangener Woche danach gefragt habe.

Er hoffe, dass die Meldungen aus Thüringen jetzt abschließend seien, sagte Müller. Er kündigte an, dass sich am Mittwoch der Verbraucherausschuss des Bundestages mit dem Thema befassen werde. Dazu seien auch Vertreter aus Thüringen geladen. Danach werde sein Ministerium die Vorgänge bewerten.

Wie groß der Schaden für die Futtermittelhersteller und die Agrarbetriebe ist, kann derzeit keiner sagen. Sklenar sagte, es gebe noch keine Schätzungen. Die Agrarbetriebe könnten vom Land nicht mit Entschädigungen rechnen, da es sich nicht um eine Tierseuche handele. Der Bundesverband Bürgerinitiativen Umweltschutz in Bonn stellte Strafanzeige gegen den Futtermittelhersteller.

Die Zahl der Betriebe in Sachsen, die verseuchtes Futter aus Thüringen erhalten haben könnten, ist auf 27 gestiegen, teilte das Landwirtschaftsministerium in Dresden mit. Auch zwei Ostthüringer Milchbetriebe, die täglich 15 000 Liter Milch produzieren, dürfen seit Donnerstag vergangener Woche nicht ausliefern. Unklar ist, wie viele Schweine in Thüringen getötet werden müssen, da sie unverkäuflich sind.

In einer Mastanlage im Kreis Weimarer Land könnten 3000 Tiere betroffen sein. In der Anlage, die direkt vom Apoldaer Werk beliefert wurde, war am 6. Februar eine Dioxinkonzentration von mehr als zwei billionstel Gramm pro Gramm Fett gemessen worden. Der Grenzwert liegt seit 2002 bei einem billionstel Gramm. Bisher wurden rund 300 Tiere getötet. Die Ergebnisse nach der zweiten Probeschlachtung stehen noch aus.

Müller verwies auf Expertenaussagen, wonach keine akute Gesundheitsgefährdung bestehe, selbst wenn belastetes Fleisch in den Handel gelangt sein sollte. "Das heißt aber nicht, dass man nachsichtig sein kann. Versäumnisse müssen geahndet werden." Auch Sklenar sagte: "Das darf uns nicht wieder passieren." Deshalb müssten Agrarbetriebe und Kontrollstellen schneller Testergebnisse austauschen. Die Altanlage in Apolda sei eine "sehr risikoreiche Anlage", die besonders kontrolliert werden müsse.

Nach bisherigen Erkenntnissen hat das Mischfutterwerk wochenlang einen defekten Trocknungsofen für nicht verkaufte Backwaren betrieben. Durch einen Defekt bei der Abgasrückführung sei das Dioxin in den Produktionskreislauf gekommen. Dioxin gilt als eines der gefährlichsten Gifte. In niedrigen Mengen kann es das Immunsystem schädigen und gilt als Krebs erregend.

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