Ahmadineschads Brief sprengt Konventionen
Mit Gottes Lob Uran anreichern

Terroristen aus Nahost, Entführer aus Südamerika, Diktatoren, Menschenschlächter – für die abgebrühten Diplomaten und Analytiker im Auswärtigen Amt gehört Kommunikation mit extremen Persönlichkeiten zum Job. Doch der Brief des iranischen Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad an Bundeskanzlerin Angela Merkel hat selbst die Profis verwundert.

Doch der Brief des iranischen Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad an Bundeskanzlerin Angela Merkel hat selbst die Profis verwundert. Schon in den ersten paar Zeilen der Begrüßungsformel wird Gott drei Mal beschworen, seine Weisheit, seine Erhabenheit, sein Wille, die Menschen zur Umkehr zu bewegen, die göttliche Barmherzigkeit. Fast einen ganzen Tag haben sich die Experten zur Exegese Zeit genommen. Dabei war das Schreiben gestern schon in übersetzter Form in Berlin eingetroffen. Doch die Experten wollen auch das Original heranziehen, um aus dem "sehr persischen Stil des Schreibens" und sogar dem verwendeten Papier Schlüsse zu ziehen.

Ahmadinedschad hatte im April angekündigt, den westlichen Führern Botschaften zu schicken. Die erste Botschaft im Mai sandte er an US-Präsident George W. Bush und nahm darin zu dem iranischen Atomprogramm Stellung, ohne von der bekannten Linie abzukehren.

Vor zwei Tagen war überraschend bekannt geworden, dass nun Angela Merkel an der Reihe sei. Deutsche Diplomaten fassten nach und erhielten nun das Schreiben an die Bundeskanzlerin auf "dem üblichen diplomatischen Weg", so ein Sprecher, durch den iranischen Außenminister Manuchehr Mottaki an den deutschen Geschäftsträger in Teheran. Doch die mit Spannung erwartete Position Ahmadinedschads zu dem Angebotspaket im Atomstreit mit Iran, das die fünf ständigen Mitglieder des Sicherheitsrats der Vereinten Nationen und Deutschland Teheran vorgelegt haben - keine Zeile dazu.

Auf insgesamt zehn Seiten dagegen immer wieder Beschwörungsformeln, die ein krudes Deutschlandbild offenbaren: Mehrfach wird die "Entrechtung" Deutschlands, des "Verlierers des Zweiten Weltkriegs", durch die "Sieger" beklagt. Erwähnt werden die andauernden Versuche, Deutschland mit Verweis auf den Holocaust "unter Druck zu setzen". Die "Niedergedrücktheit der Völker", namentlich des deutschen und iranischen, wird beschworen, ebenso wie die besonderen Rechte, die Angela Merkel als Frau von Gott zuerkannt würden.

Noch auf dem G8-Gipfel in St. Petersburg hatte die Bundeskanzlerin zur weiteren Verhandlung mit Iran erklärt, dass es der gute Umgang erfordere, dass auf ein "anständiges Angebot eine anständige Antwort" erfolge. Doch konkrete Antworten und unmittelbar aktuelle Bezüge zu der umstrittenen Frage der Urananreicherung fehlen in dem Brief. Seine Regierung werde, sagte der iranische Chefunterhändler Ali Laridschani zeitlich parallel zum Briefwechsel im staatlichen iranischen Fernsehen, bis zum 22. August auf das Angebotspaket im Uranstreit antworten.

Ahmadinedschads Antwort ist insoweit anständig, als er selbst erklärt, der Frage des Holocaust "nicht auf den Grund" gehen zu wollen. Spürbar ist dabei das angestrengte Bemühen, einen Keil zwischen Deutschland und die USA zu treiben. Doch der Versuch sei eher "romantisch" und "unwirklich", erklärt dazu ein ranghoher Diplomat dem Handelsblatt, und entspreche der bekannten iranischen Vorgehensweise. Spürbar sei das Bemühen, durch Appelle an die Mächtigen der Welt und zur "Einsicht in göttliche Vorsehung" Bewegung im politischen Prozess auslösen zu wollen. Doch mit herkömmlichen diplomatischen Usancen sei dies nicht fassbar.

Die Iran-Experten schwanken daher, ob der Brief als ernst zu nehmender Versuch zu werten sei, persönlichen Kontakt zur Konfliktlösung herzustellen, oder aber nur als Teil eines Hinhaltemanövers, um zeitnahe Antworten zu verzögern.

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