Airlines im Pleitestrudel
Kommentar: Böses Erwachen

Der belgische Steuerzahler kann sich nur noch freuen. Das Millionengrab Sabena ist mit dem Konkursantrag der Fluggesellschaft endlich geschlossen. Für Airlines von der Größe der belgischen gibt es auf dem Luftverkehrsmarkt keinen Platz mehr. Wer Gewinn bringend Flugzeuge auf die Reise schicken will, braucht einen genügend großen Heimatmarkt, der ihm Passagier- und Frachtaufkommen sichert. Ein paar Millionen Belgier reichen dafür nicht.

Auch nicht ein paar Millionen Schweizer, wie der Zusammenbruch der Swissair zeigt. Den helvetischen Steuerzahlern droht ein böses Erwachen. Die Absicht, mit einer Finanzspritze in Milliardenhöhe aus der Konkursmasse der einst als "fliegende Bank" gepriesenen Gesellschaft über die kleine Crossair einen neuen Nationalcarrier zu machen, könnte sich als teure Fehlspekulation erweisen. Die bisherigen Pläne in Basel und Zürich, mit einer großen Langstreckenflotte weiter weltweit im Geschäft zu bleiben, zeugen jedenfalls weniger von Größe denn von Größenwahn.

Umso vorsichtiger sollte die nordrhein-westfälische Landesregierung bei ihren Rettungsversuchen für die Düsseldorfer Ferienfluggesellschaft LTU sein. Nur eine solide Zukunftsplanung, basierend auf einem realistischen Sanierungskonzept und einem kapitalkräftigen Investor, der den blutleer gewordenen 49,9-Prozent-Anteil der Swissair übernimmt, könnten öffentliche Bürgschaften rechtfertigen. Sonst geht?s wie im Sabena-Land: Das Geld ist futsch, die Arbeitsplätze auch.

Zwar hat die LTU mit den 18 Millionen Einwohnern Nordrhein-Westfalens einen attraktiven Heimatmarkt, doch die Wettbewerber warten nur darauf, nach einer Pleite die in Düsseldorf knappen Slots für Starts und Landungen zu übernehmen. Schon vor dem 11. September hatte die Ferienflug-Branche deutliche Überkapazitäten. Derzeit befürchten die Reiseveranstalter Rückgänge ihres Geschäfts zwischen 15 und 30 Prozent - mit der Konsequenz, dass, wie im Liniengeschäft, etliche Flugzeuge am Boden blieben. Dies ist ein schwieriges Umfeld für einen fördernden Einsatz von Steuergeldern.

Sabena, Swissair, LTU - bald werden weitere, einst klangvolle Namen am Pleiten-Pranger stehen. Das kleine Europa hat zu viele Fluggesellschaften. Ein Konsolidierungsprozess ist unausweichlich - so wie in den USA, wo in den letzten Jahren die Anbieter reihenweise vom Markt verschwanden. Doch die Bereinigung in Europa ist ungleich problematischer. Denn die EU-Mitglieder leisten sich immer noch den Luxus nationaler Luftverkehrspolitik.

Das hat bizarre Folgen: Nur Unternehmen, die mehrheitlich in nationalem Eigentum stehen, genießen die Vorteile der zwischen den Staaten geschlossenen Luftverkehrsabkommen. Nur sie dürfen also international fliegen. Das verhinderte in der Vergangenheit etwa die Fusion von British Airways und KLM, weil ein britischer Mehrheitseigner sämtliche Streckenrechte nach und von Amsterdam-Schiphol verloren hätte.

Ein übergeordnetes EU-Luftverkehrsrecht würde ganz andere Möglichkeiten schaffen, die auch dem Konsolidierungprozess dienlich wären. Statt nationaler Airlines braucht die Gemeinschaft EU-Fluggesellschaften, die mit gleichen Rechten aus dem europäischen Wirtschaftsraum in alle Welt fliegen können. Doch das liegt in weiter Ferne. Denn derzeit sind die Europäer nicht einmal in der Lage, bei den staatlichen Garantien für Kriegs- und Terrorrisiken "ihrer" Airlines einheitlich vorzugehen. Während die US-Airlines, gestärkt durch staatliche Hilfe, auf dem umkämpften Transatlantik-Markt ein knallhartes Geschäft betreiben, verzetteln sich die Europäer im nationalen Kleinkrieg untereinander.

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