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Akten, höher als der Mount Everest

Mit vernetzten Systemen via Intra- oder Internet wollen Experten im Gesundheitswesen Kosten und Zeit sparen. Schon acht Prozent des Branchenumsatzes sollen laut einer aktuellen Studie von Mummert + Partner im Jahr 2004 online erwirtschaftet werden.

DÜSSELDORF. Es klingt wie einer der bekannten Anti-Witze, mit denen Schulkinder in den 80er Jahren ihre Eltern quälten. Allen gemein war der erste Satz, der stets mit einer Frage wie dieser begann: Was ist sechs Mal so hoch wie der Mount Everest? Und die korrekte, weil blödsinnigste Antwort lautete: 30 Milliarden übereinander gestapelte Frösche.

Im neuen Jahrtausend sind die Witze nun von ernsterer Natur und das Lachen bleibt so manchem im Halse stecken. Denn die richtige Antwort heißt heute: Sechs Mal so hoch wie der Mount Everest sind die übereinander gestapelten Patientenakten der Universitätsklinik Hamburg. Das übersteigt die menschliche Vorstellung.

"Hamburg ist aber bei weitem kein Einzelfall", sagt Ralf Kröpke, Geschäftsführer der auf IT-Lösungen für den Gesundheitsbereich spezialisierten Ceyoniq Healthcare in Augsburg. Hinzu kommt: Zu dem ohnehin stolzen Datenbestand der Unikliniken gesellen sich jährlich ein bis eineinhalb Kilometer neuer Patientenakten - ein teurer Spaß. "Schließlich kostet jeder Quadratkilometer klinisches Bauland etwa 10 000 Mark", weiß Kröpke.

Kein Wunder, dass Experten wie die Berater von Mummert + Partner in ihrer aktuellen Studie prognostizieren: Bei 90 % aller deutschen Krankenhäuser stehen in den kommenden 10 Jahren multimediale Patientendokumentationen auf der Bedarfsliste. Die Investitionen hierfür sollen bis zum Jahr 2002 auf 190 Mill. DM steigen und am Ende des Jahrzehnts die Milliardengrenze erreichen.

Electronic Health, kurz E-Health, heißt das Schlagwort: Langfristig wollen die Experten alle Beteiligten des Gesundheitswesens - Krankenhäuser, Ärzte, Apotheken, Zulieferer, Versicherungen und Patienten - miteinander in unterschiedlich großen Zusammenschlüssen über Intra- oder Internet vernetzen. Bis zum Jahr 2004, prophezeit die Mummert-Studie, werden 8 % der Branchenumsätze online erwirtschaftet. Die wichtigsten Themen der kommenden Jahre: die elektronische Patientenakte, Telemedizin und die Optimierung des Einkaufs via Netz (E-Procurement).

Befürworter der neuen Entwicklung hoffen darauf, Kosten einzusparen und eines der größten Handicaps im Gesundheitswesen zu beseitigen: die Langsamkeit der Abläufe. Vor allem für die Krankenhäuser sehen die Berater von Pricewaterhouse Coopers (PWC) gute Chancen im Bereich E-Business. Nur die Versicherer selbst liegen mit rund 30 % im Chancenvergleich noch vor den Kliniken (25 %).

"Nicht nur jüngere Patienten informieren sich heute im Netz über mögliche Behandlungsmethoden und das Leistungsspektrum eines Krankenhauses", sagt Thomas Hilse, Prokurist bei PWC in Düsseldorf. "Auch die Älteren sind durch ihre Enkel oder Kinder bereits bestens informiert." Den Nimbus der "Halbgötter in Weiß" haben die Ärzte daher längst verloren. Was zählt, ist ihre Leistung und nicht die Nähe der Praxis oder des Krankenhauses zur Heimatstadt des Patienten.

Um sich auf ihre eigentliche Leistung zu konzentrieren, müssen Klinikärzte daher stärker von Nebentätigkeiten entlastet werden. Aus diesem Grund kommen die Mediziner auf der anästhesiologischen Intensivtherapiestation des Freiburger Uniklinikums zur Laptop-Visite: Auf einem Wagen befestigt, thront ein tragbarer PC, der über ein stationsinternes Funknetz die Patientendaten empfängt. Mittels web-basierter Befund- und Bildverteilungssoftware erscheinen dann auf Mausklick die Röntgenbilder eines Patienten auf dem Monitor.

"Bilder, die quer durch die Klinik wandern, gehören damit der Vergangenheit an", sagt Unfallchirurg Werner Schlickewei. Er kann sich noch an die Zeiten erinnern, als Ärzte nach klinikinternen Hochrechnungen eine halbe Stunde täglich mit der Suche von Röntgenbildern beschäftigt waren. Hochgerechnet auf die 600 Ärzte, die im Klinikum radiologische Bilder benötigten, waren das 300 Stunden am Tag.

Seit Februar 2000 arbeitet die Intensivstation der Anästhesie "de facto papierlos", sagt Mediziningenieur Bernd Kristinus. Heute steht an jedem Intensiv-Bett ein PC mit Flachbildschirm. Daten aus dem Befundlabor oder zum Beispiel vom EKG-Überwachungsmonitor laufen automatisch in den Computer, andere tippt das Personal an Ort und Stelle ein. "Außerdem ist die elektronische Patientenakte auch beim Medikamentenplan hilfreich", erklärt der IT-Profi. Erinnerungshinweise machten Pfleger und Mediziner darauf aufmerksam, wenn ein Patient seine Medikamente benötigt und wenn nach 72 Stunden die Schläuche eines Beatmungsgerätes auszutauschen sind.

Das Pilotprojekt in der Freiburger Uniklinik zeigt: Die neue Entwicklung im Gesundheitsbereich ist längst keine reine Zukunftsmusik mehr. Davon durfte sich vergangene Woche auch Siemens-Chef Heinrich v. Pierer überzeugen. Zwar hatte er bei eingebrochenen Gewinnen wenig Grund zur Freude, durfte aber immerhin wohlwollend auf die Ergebnisse der Siemens Medical Solutions blicken. Durch die Verbindung von IT und Medizintechnik erzielte die Siemens-Tochter beim Vorsteuergewinn mit 808 Mill. ein Plus von 75 % gegenüber dem Vorjahr. Der Auftragseingang stieg um 37 %.

Von der Digitalisierung der anfallenden Daten durch Lösungen der Siemens Medical Solutions ist Werner Koch, Geschäftsführer des Marienkrankenhauses in Hamburg, begeistert: "Wir haben Partnerschaften mit drei anderen Krankenhäusern, die kein eigenes Labor haben." Dagegen zeigt sich Direktor Werner Lossa vom Universitätsklinikum in Bamberg lieber mürrisch: Zum Thema E-Health sieht er keinen Gesprächsbedarf.

Dass manche Kliniken sich beim Thema elektronische Patientenakte lieber nicht so genau unter die Lupe nehmen lassen, weiß auch Volker Paul, Projektleiter für medizinische Netze des Fraunhofer-Instituts für Biomedizinische Technik: "Bei dem, was da zum Teil in der Praxis eingesetzt wird, drücken die Datenschützer beide Augen zu." Alle Krankenhäuser, die sich mit anderen zu Netzwerken verbunden hätten, ständen schon heute unter starker Beobachtung. Wichtig sei immer das Einverständnis des "aufgeklärten Patienten", was auch Deutschlands oberster Datenschützer, Joachim Jacob, immer wieder betont.

Den Patienten nach den Grundsätzen des Datenschutzes ernst nehmen, will das Ärztenetzwerk D2D der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein (KVNO) mit der Bereitstellung einer Telematikplattform. Das Prinzip: Der Patient bekommt auf seiner Überweisung einen Barcode ausgedruckt, den er beim Facharzt abgibt.

Mit dessen Hilfe wählt der Mediziner dann über eine ISDN-Leitung den Server bei der KVNO an, legt auf und wird vom Server zurück gerufen. "Das garantiert, dass nur ein registrierter Arzt zu unserem Server Kontakt aufnehmen kann", sagt KVNO-Mitarbeiter Franz-Josef Eschweiler. Das neue D2D-Netz wird auf der Medica vorgestellt. Ab Mitte 2002 soll die Akzeptanz und Funktionsweise von D2D dann an Brustkrebspatientinnen getestet werden.

Simone Wermelskirchen
Simone Wermelskirchen
Handelsblatt / Redakteurin
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