Aktie auf Tiefstand
Hintergrund: Lederers Zick-Zack-Kurs bei Babcock

Es war der US-Großaktionär Guy Wyser-Pratte, der als erster Alarm schlug, als der damalige Babcock-Chef Klaus Lederer zu einem beispiellosen Zick-Zack-Kurs ansetzte: Nachdem Lederer noch Ende Januar eine vollständige Übernahme der Kieler Werft HDW und damit eine Konzentration auf das Marinegeschäft angekündigt hatte, gab er im März den Verkauf der HDW-Mehrheit an den US- amerikanischen Investor One Equity Partners bekannt.

dpa OBERHAUSEN. Selbst eine chaotisch verlaufene Hauptversammlung und juristische Schritte Wyser- Prattes konnten Lederer nicht stoppen. Er zog den Ausverkauf des Werftgeschäftes durch und bleibt selbst am Ruder der als "Filetstück" angesehenen Kieler Werft.

Es werden die drohenden Verluste in dreistelliger Millionenhöhe gewesen sein, die Lederer und seine Vorstandskollegen zu diesen Entscheidungen bewogen haben mögen. Doch als Folge steht die Babcock- Aktie nach einem Kurssturz von 45 Prozent auf dem Tiefstand von 1,84 Euro, droht dem Traditionsunternehmen im 111. Jahr seines Bestehens die Insolvenz und der Verlust von tausenden Arbeitsplätzen. "Dem Unternehmen fehlen nun die flüssigen Mittel aus dem Verkauf von Schiffen", urteilt die Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW). Vor diesem Hintergrund erscheint der HDW- Verkauf als fruchtlose Panikreaktion eines überforderten Vorstands, der durch den simplen Verkauf von Tafelsilber Schulden begleichen wollte.

"Lederer hat die Interessen der Mitarbeiter und des Unternehmens verkauft, um seine eigene Haut zu retten", urteilte der Oberhausener Oberbürgermeister Burkhard Drescher (SPD) in einer für einen Kommunalpolitiker ungewöhnlichen Stellungnahme zu den Vorgängen bei Babcock. Dem ausgeschiedenen Vorstandschef wirft Drescher wie Wyser Pratte zudem persönliche Vorteilsnahme und angesichts der dramatischen Lage des Unternehmens Kaltschnäuzigkeit vor: "Der Verantwortliche wechselt blitzschnell die Kommandobrücke und belohnt sich selbst mit einem lukrativen Vorstandsposten bei HDW."

Große Unsicherheit verrät auch die Bestellung seines Nachfolgers: Da wird vom Aufsichtsrat Steag-Chef Jochen Melchior als Retter ausgerufen, der sich anschließend zunächst erst mal Bedenkzeit ausbittet. Zu groß ist die Unsicherheit über die Tragfähigkeit des Sanierungskonzepts, dass die Unternehmensberatung Roland Berger dem Aufsichtsrat vorlegte. Sicher scheinen bei diesem Konzept bislang nur die Folgen für die weltweit 22 000 Beschäftigten: Ohne einen massiven Stellenabbau - der Betriebsrat spricht von rund 1000 Arbeitsplätzen allein in Deutschland - wird der angeschlagene Riese Babcock wohl nicht wieder auf die Beine kommen.

Während die Banken noch über einen dringend erforderlichen Überbrückungskredit in Höhe von mindestens 200 Millionen Euro beraten, haben die Beschäftigten ihren Beitrag bereits geleistet: Sie verzichteten bereits auf die ausgehandelten Tariferhöhungen für Mai und Juni. Und wenn sich die Banken bis Dienstag nicht zu der Finanzspritze durchringen können, dann müssen die Mitarbeiter nicht nur auf ihr gesamtes Juni-Gehalt verzichten, sondern auch um ihre gesamte Existengrundlage bangen.

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