Aktie bleibt auch bei Erfüllung der Prognosen zu teuer
Cisco-Zahlen das Maß der Technologie-Dinge

Der Netzwerkausrüster legt am Dienstag nach Börsenschluss in den USA Quartalszahlen vor. Die Börse verspricht sich davon Aufschluss über die Gewinnsituation der Technologiebranche. Cisco-Chef Chambers aber warnt schon vorher: "Wir sind noch lange nicht über den Berg."

vwd/som SAN JOSE. Nach Ansicht von Analysten wird das Unternehmen seine Umsatzprognose für das vierte Quartal erfüllen können. Die Einnahmen dürften auf Vorquartalsniveau liegen oder leicht höher ausfallen, glauben Beobachter. Cisco hat für die letzten drei Monate des Geschäftsjahres 2001/02 einen Umsatz von 4,884 Mrd. $ und ein Ergebnis je Aktie von 0,11 $ in Aussicht gestellt. Vor allem in den USA dürfte das Geschäft mit großen Unternehmen gut verlaufen sein, meinen Beobachter, während es in Europa in allen Bereichen schwach gewesen sein dürfte.

Für das laufende Quartal werde Cisco wahrscheinlich stabile oder leicht höhere Umsätze prognostizieren, vermuten Analysten weiter. Außer den Zahlen interessieren sich die Beobachter derzeit vor allem für das Schicksal des Cisco-CFO Larry Carter. Jüngst wurden Spekulationen laut, dass er das Unternehmen in den kommenden Wochen verlassen könnte.

Cisco-Chef John Chambers hatte bis zum Beginn der Technologiekrise vor zwei Jahren aus einem Startup in den späten achtziger Jahren das zeitweise wertvollste Unternehmen der Welt gemacht. Davon ist nach einem Kursverlust von über 85 Prozent in zweieinhalb Jahren nicht viel übrig geblieben. Knapp 500 Milliarden Dollar Anlegergeld wurden bislang vernichtet. Entsprechend nervös blickt die Börsengemeinde auf die Quartals- und Jahreszahlen.

Auch für Cisco haben sich die Zeiten geändert

Chambers gilt als der "Herr des Internets" - in der Autosprache formuliert würde Cisco mehr als vier Fünftel aller Autobahnkreuze und-dreiecke kontrollieren. Quartal für Quartal ist er ein Garant dafür, die Prognosen der Analysten exakt zu treffen. Manchmal wird es ein Cent mehr - aber nie einer weniger. Diese Verlässlichkeit ging lange mit Kursverdopplungen in immer kürzeren Zeitabständen einher. Beides wurde dem einst 580 Mrd. $ teuren Unternehmen zum Verhängnis: Erst fanden die Baissiers in der Schwindel erregenden Bewertung eine ideale Angriffsfläche. Dann regte die Treffsicherheit bei den Quartalsprognosen die Phantasie skeptischer Zeitgeister an: Womöglich hätten die Kalifornier ihre Bilanz so hingebogen, wie es Analysten und Anleger erwarteten. Der Vorwurf ist durch nichts bestätigt, doch seit den Fälschungen bei Worldcom müssen High-Tech-Unternehmen täglich neu mit derartigen Anschuldigungen leben.

Selbst wenn Cisco heute die prognostizierten 11 oder 12 Cents pro Aktie erreicht, bleibt der Titel mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von weit über 30 und gemessen mit "reifen" Technologie-Schmieden wie IBM oder Microsoft zu teuer. Denn Wachstumsraten von 30 und mehr Prozent gehören der Vergangenheit an und werden wohl nie mehr erreicht. Im Gegenteil: Die Märkte sind gesättigt, deshalb stagnieren die Umsätze - bei Cisco auf hohem Milliarden-Niveau. Gewinneinbrüche wurden zwar gestoppt, aber nur auf Grund massiver Kostensenkungen samt Entlassung von zuletzt 5 300 Mitarbeitern. An dieser Schraube wird Chambers nicht ewig weiterdrehen können.

Unabhängigkeit von der Telekom-Branche ist Ciscos Glück

Dass Cisco im Gegensatz zu seinen Wettbewerbern überhaupt schwarze Zahlen schreibt, liegt an der geringeren Abhängigkeit von den angeschlagenen Telekomkonzernen. Anders als Konkurrenten wie Nortel und Lucent macht Cisco mehr als 50 % seiner Umsätze mit Firmen aus anderen Branchen.

Doch auch eine prall gefüllte Kriegskasse von über 20 Mrd. Dollar hilft dem Netzwerk-Spezialisten, die Krise besser als andere zu überstehen. Bei den elektronischen Schaltzentralen im Internet, den Routern, stieg der Weltmarktanteil im Vergleich zum Vorjahr von knapp 70 % auf 85 % - dieses Produkt ist das Herzstück in der Angebotspalette von Cisco. In der Krise verlassen sich die Abnehmer lieber auf finanzstarke Partner. Der Aktie hilft es bislang nicht. Entwickelte sich das Papier im Jahr eins der Baisse noch deutlich besser als der Gesamtindex Nasdaq, so ist es im Jahr drei der Tristesse umgekehrt. Nachdem die kleinen High Flyer, die nie die Gewinnschwelle erreichten, abgestürzt sind, trifft die Verkaufswelle nun die Schwergewichte.

Chambers ist vorsichtig geworden

John Chambers hütet sich aber, den Sturz als ungerecht zu brandmarken. Denn im Gegensatz zu Ron Sommer hat er seine Lektion gelernt. Unnötige und schönfärberische Aussagen gehören der Vergangenheit an: Auf dem Höhepunkt des Booms hatte der Cisco-Boss Anfang 2000 den Internet-Aktien einen dramatischen Anstieg prophezeit. Doch als der Abschwung schon ein Jahr währte, musste er 2001 seine Wachstumsprognosen von über 50 % rasch zurücknehmen.

Mehr als zwei Jahre nach Ausbruch der Krise ist der Konzernboss ruhiger geworden: Von einem Turn-around könne noch keine Rede sein, sagte er nach ordentlichen Zahlen im letzten Quartal. Und im Hinblick auf die am Dienstag anstehenden Daten bleibt er ebenso vorsichtig: "Ich habe zwar ein gutes Gefühl, aber wir sind noch lange nicht über den Berg."

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