Aktie erholt sich
Möglicherweise Stellenabbau bei Chrysler

In Firmenkreisen hieß es, durch die Krise bei der US-Tochter habe auch das Ansehen von Konzernchef Schrempp gelitten, seine Position sei aber weiter unangefochten. Der Kurs der Daimler-Chrysler-Aktie erholte sich deutlich.

Reuters FRANKFURT/BERLIN. Die Daimler-Chrysler AG wird möglicherweise bereits in den kommenden Tagen Pläne für einen Stellenabbau bei der angeschlagenen US-Tochter Chrysler vorlegen. Finanzchef Manfred Gentz sagte der Nachrichtenagentur Reuters am Donnerstag in Berlin, man werde die Öffentlichkeit möglichst in den nächsten Tagen zu diesem Thema informieren. Ein Konzernsprecher kündigte in Stuttgart an, die Chrysler-Führung werde mit der US-Autogewerkschaft UAW über tarifvertragliche Zugeständnisse verhandeln. Analysten halten einen großen Stellenabbau und sogar Werksschließungen bei Chrysler für möglich. In Firmenkreisen hieß es, durch die Krise bei der US-Tochter habe auch das Ansehen von Konzernchef Jürgen Schrempp gelitten, seine Position sei aber weiter unangefochten. Der Kurs der Daimler-Chrysler-Aktie erholte sich deutlich.

Gentz sagte am Rande einer Veranstaltung in Berlin, man werde die Produktion bei Chrysler über die bereits beschlossene einwöchige Stilllegung dreier nordamerikanischer Werke hinaus zurücknehmen. "Auch ein Stellenabbau kann noch ein Thema werden", sagte Gentz. DaimlerChrysler hatte am Mittwoch bekannt gegeben, die Produktion in drei Chrysler-Werken für eine Woche ruhen zu lassen, um die Fahrzeughalden zu verkleinern.



Auch Werkschließungen stehen im Raum

Auf die Frage, ob er Werksschließungen bei Chrysler ausschließen könne, sagte Gentz: "Ich schließe weder etwas aus, noch schließe ich etwas ein." Einen Vergleich der Lage von Daimler und Chrysler mit der von BMW und seiner früheren britischen Tochter Rover lehnte Gentz ab. Einen Vergleich halte er für abwegig. BMW hatte Rover im Mai wegen anhaltender Verluste infolge des starken Pfund Sterling verkauft. Zugleich schloss er einen Verkauf von Chrysler aus. Chrysler sei durch die Fusion der beiden Unternehmen vor rund zwei Jahren doch gerade erst in das Portfolio aufgenommen worden, sagte Gentz. Ein Firmensprecher sagte in Stuttgart: "Wir werden uns bei Gesprächen mit der UAW um mehr Flexibilität im Rahmen der geltenden Verträge bemühen." Er verwies darauf, dass der neue Chrysler-Chef Dieter Zetsche erst Anfang der Woche mit einer umfassenden Analyse begonnen habe. Eine Folge könnte eine Fülle von Maßnahmen sein, um eine Wende bei Chrysler zu erreichen. "Welche Rolle dabei ein Arbeitsplatzabbau spielen könnte, lässt sich zum jetzigen Zeitpunkt nicht sagen." Chrysler beschäftigt rund 125 000, Daimler-Chrysler 440 000 Menschen.

Hintergrund der Gespräche mit der UAW ist ein Tarifvertrag aus dem Jahr 1999, der bis 2003 gilt. Dieser Vertrag sehe etwa vor, dass Beschäftigte bei Werksschließungen und Entlassungen 95 % ihrer Nettobezüge weiterbezahlt bekämen. Dieser Betrag werde mit der staatlichen Arbeitslosen-Unterstützung verrechnet, so dass Daimler-Chrysler bei einem Stellenabbau für die ersten 42 Wochen nur einen Teil davon zahlen müsste. Der Tarifvertrag sieht nach früheren Angaben auch Maßnahmen zur Sicherung von Arbeitsplätzen vor und verpflichtet das Unternehmen zum Beispiel zur Einstellung neuer Mitarbeiter, falls in anderen Bereichen die Zahl der Stellen unter eine bestimmte Grenze fällt.



Anfang 2001 werden erste Umbaukonzepte vorgelegt

Daimler-Chrysler will im ersten Quartal 2001 ein Konzept für einen Umbau seiner US-Tochter vorlegen, die im dritten Quartal 579 Mill. Euro Verlust erwirtschaftet hatte. Eigentlich sollte Chrysler im vierten Quartal wieder Gewinne erzielen, jedoch hatte Daimler-Chrysler zuletzt angekündigt, die Ergebnisse würden schlechter als erwartet ausfallen. Das Problem bei Chrysler hänge mit dem schwachen US-Markt zusammen, sagte Gentz weiter. "Wir haben einen schweren amerikanischen Markt, wir haben zu hohe Lagerbestände, wir haben sehr hohe Kaufanreize und wir haben Produktwechsel von alten zu neuen Modellen", sagte er. Dies alles falle in eine Phase, in der die amerikanische Wirtschaft ausgesprochen angespannt sei.

Unter der Chrysler-Krise hat nach Angaben aus Firmenkreisen auch das Ansehen von Konzernchef Schrempp gelitten. "Er muss sich ankreiden lassen, zu lange zugesehen zu haben", sagte ein Manager. Zu lange sei Chrysler als eigenverantwortliche Division mit großem Vertrauensvorschuss geführt worden. Allerdings habe der inzwischen entlassene ehemalige Chrysler-Chef James Holden den Vorstand geradezu "systematisch hinters Licht geführt". Das wahre Ausmaß der Krise sei erst deutlich geworden, als die Zahlen immer schlechter geworden seien. Insgesamt sei Schrempp aber unangefochten, und der Konzernchef werde unverändert vom Vorsitzenden des Aufsichtsrats, Hilmar Kopper, gestützt.

Analysten rechnen damit, dass Daimler-Chrysler bei seiner US-Tochter einen umfassenden Stellenabbau einleiten wird, der auch Werksschließungen beinhalten dürfte. "Ein bis zwei Werke (von 13 in Nordamerika) werden dran glauben müssen", sagte Auto- Analyst Jürgen Pieper vom Bankhaus Metzler. Chrysler-Mitarbeiter dürfte um etwa 10 000, vielleicht aber auch um 20 000 reduziert werden. Langfristig werde der Austausch von Komponenten zwischen den Konzernmarken zunehmen. So sei denkbar, dass kleine Modelle von Chrysler künftig auf Plattformen des asiatischen Daimler-Chrysler-Partners Mitsubishi gebaut würden, und größere Modelle könnten Komponenten von Mercedes oder ebenfalls von Mitsubishi verwenden. Da diese technischen Vorhaben aber mindestens zwei bis drei Jahre Vorlauf brauchten, werde es kurzfristig erst einmal zu harten Einsparungen kommen.



Analysten gehen von eine Stärkung für Schrempp aus

Georg Stürzer von der Hypo-Vereinsbank sagte, falls die Sanierung von Chrysler gelinge, werde Schrempp sogar gestärkt aus der Krise hervorgehen. "Falls es nicht gelingt, hat er ein Problem." Spekulationen, dass Daimler durch den niedrigen Aktienkurs zum Übernahmekandidaten werden könnte, halte er für wenig fundiert. Die US-Konzerne General Motors und Ford könnten dies aus kartellrechtlichen Gründen nicht tun, und der japanische Branchenprimus Toyota habe dementiert. Für einen reinen Finanzinvestor ist Daimler-Chrysler nach Stürzers Einschätzung dagegen nicht günstig genug.

Der Kurs der Daimler-Chrysler-Aktie legte an der Börse bis zum Abend um 4,4 % auf 48,60 Euro zu und entwickelte sich damit deutlich besser als der Gesamtmarkt. Händler sprachen von einer technischen Reaktion. Jedoch zeige der Plan von Chrysler, in der kommenden Woche die Produktion in drei Werken anzuhalten, dass die Probleme angegangen würden.

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