Aktie im Fokus
Deutsche Börse vor ungewisser Zukunft

Die Aktie der Deutschen Börse hat seit Beginn des Jahres kräftig verloren. Hedge-Fonds sitzen dem Börsenbetreiber im Nacken, dazu belasten rückläufige Handelsumsätze und neue Konkurrenz. Trotzdem gibt es auch positive Signale. Mancher Analyst glaubt an steigende Kurse.

FRANKFURT. Wenn der Börsenrat der Deutschen Börse heute in Frankfurt zusammenkommt, wird er sich vorrangig mit der Frage beschäftigen, ob der Handelsstart in Frankfurt von 9 Uhr auf 8.30 Uhr vorverlegt werden soll. Eine Zustimmung des Gremiums gilt in Finanzkreisen als sicher, weil die Börse auf Konkurrenten wie die Handelsplattform Turquoise reagieren muss, die im August starten soll und bereits ab 8.45 Uhr Aktien handeln will.

Nicht auf der offiziellen Tagesordnung des Börsenrats steht die Kursentwicklung der Deutsche-Börse-Aktie. Dennoch dürfte das Thema heiß diskutiert werden. Heute gehört die Aktie zu den größten Gewinnern im Dax. Doch seit Jahresbeginn ist das Papier von gut 136 Euro auf rund 68 Euro abgestürzt. Damit hat sich die Börse zwar nicht schlechter als die Konkurrenz gehalten, einzelne Aktien wie die der Londoner LSE sind sogar noch stärker gefallen. Unter den 30 Dax-Werten hat jedoch nur die Hypo Real Estate mehr verloren.

Für den Absturz gibt es mehrere Gründe: Neben der Sorge, die beiden Hedge-Fonds TCI und Atticus, die zusammen gut 20 Prozent an der Börse halten, könnten Anteile verkaufen, hinterlässt auch die Finanzkrise Spuren. Weil die Investoren aufgrund der zunehmenden Unsicherheit den Aktienmärkten fern bleiben, gehen die Umsätze im Kassasegment Xetra seit einigen Monaten zurück und auch die Abwicklungstochter Clearstream wickelte zuletzt ein Fünftel weniger Transaktionen ab. "Wir haben in allen Bereichen des Börsenhandels stark rückläufige Zahlen. Und das wird sich in den kommenden Monaten nicht verbessern", sagt Konrad Becker, Analyst bei Merck Finck.

Damit entsteht Druck auf die Erträge der Börse. Zwar gehen Analysten davon aus, dass das Unternehmen 2008 erneut einen Rekordgewinn erzielen wird. Reinald Veit von Sal. Oppenheim etwa kalkuliert mit einem Jahresüberschuss von 1,05 Mrd. Euro, nach 911 Mill. Euro im Vorjahr. "Ein Großteil der Steigerung geht aber auf die erstmalige Einbeziehung der US-Derivatebörse ISE, auf Steuereffekte sowie auf Kostensenkungen zurück", erklärt Veit. Für 2009 rechnet er mit einer geringeren Gewinndynamik.

Eine Gefahr für die Erträge stellen auch die Bemühungen von Investmentbanken dar, mit alternativen Handelsmodellen den etablierten Börsen Marktanteile abzujagen beziehungsweise sie zu Gebührensenkungen zu zwingen. Mit Chi-X ist eine Plattform bereits an den Start gegangenen, Mitte August soll Turqoise folgen, hinter der neun Investmentbanken stehen. Oppenheim-Analyst Veit hält die Aufregung um die neue Konkurrenz aber für etwas übertrieben, weil sich die Angriffe auf den Xetra-Bereich beschränken, der weniger als 15 Prozent zum Ergebnis beitrage. "Im Derivategeschäft an der Eurex, das für fast die Hälfte der Gewinne steht, hat die Börse eine extrem sichere Stellung, weil die Blockbuster wie der Bund-Future oder der Dax-Future eigene Produkte sind, auf die die Börse ein Monopol hat", sagt er.

Die spannendste Frage ist daher, wie sich das Derivategeschäft an der Eurex weiter entwickelt. Bisher zeigt der Bereich keine Schwächen. Merck-Finck-Analyst Becker erwartet auch künftig eine stabile Entwicklung und hält den Kursrückgang der Aktie deshalb für übertrieben. Angesichts des schlechten Marktumfelds für Finanzwerte rät er aber nur zum "halten" der Titel, obwohl sein Kursziel mit 88 Euro weit über dem aktuellen Kurs liegt. Auch Oppenheim-Experte Veit gibt trotz eines Kursziels von 83 Euro zurzeit keine Kaufempfehlung.

Die Analysten von BNP Paribas erwarten gar, dass sich die Aktie schlechter entwickeln wird als der Gesamtmarkt. Zum einen sei die Börse im Vergleich zu Wettbewerbern noch hoch bewertet. Zudem habe das Unternehmen mit Kostensenkungen, Steueroptimierungen und einem Aktienrückkauf bereits "jede Kugel abgefeuert", um die Investoren bei Laune zu halten.

Ralf Drescher
Ralf Drescher
Handelsblatt.com / Teamleiter Finanzen (bis 29.2.2012)
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