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Aktie ohne Risiko - ein Wunschtraum

Sind Aktien eine sichere Anlageform? Die Antwort lautet, leider, nein. Zwar suggerieren viele Banken, die am Verkauf von Aktienfonds gut verdient haben, das Gegenteil.

Doch es hat schon seinen Grund, dass Aktien auch als Risikopapiere bezeichnet werden. Viele deutsche Privatanleger haben das auf die harte Tour erfahren: Selbst vorsichtige Gemüter ließen sich Ende der 90er- Jahre vom High-Tech-Fieber anstecken. Mit den einstigen Börsenstars Deutsche Telekom, Infineon und EM-TV verloren Anleger viele Milliarden Euro.

Und diese Verluste sind keineswegs eine nur kurzfristige Angelegenheit, die bald vorübergeht. Das zeigen schon die drei gefallenen Stars: Der Kurs der T-Aktie muss um mehr als 650 Prozent steigen, um seinen alten Höchststand wieder zu erreichen. Das wird Jahre, wenn nicht Jahrzehnte dauern. Der Wert der Infineon-Aktie muss sich fast vervierfachen, der EM-TV-Kurs muss sich gar mehr als verfünfzigfachen. Dass Letzteres überhaupt jemals geschieht, ist kaum zu erwarten.

Erstes Fazit: Wer kein Risiko eingehen will, für den eignen sich Einzelaktien nicht als Langfristanlage.

Ja, aber in einem breit gestreuten Portefeuille gleichen sich doch Gewinne und Verluste aus, wendet der Bankberater ein. Das stimmt - normalerweise. Doch auch die breiteste Streuung schützt nicht vor kollektiven Übertreibungen, auf die oft ein Crash folgt. So stieg der Deutsche Aktienindex, der die 30 deutschen Top-Aktien enthält, im High-Tech-Fieber auf über 8 000 Punkte. Das war im Frühjahr 2000. Seitdem ging es rapide abwärts, derzeit liegt der Dax knapp unter 5 100 Zählern. Und niemand kann garantieren, dass das Frankfurter Kursbarometer bald wieder alte Höhen erklimmt.

Dabei ist die Dax-Entwicklung der vergangenen zwei Jahre noch harmlos gegenüber der Dauerkrise an der japanischen Börse. Wer Ende 1989 in die Firmen des Tokioter Nikkei-Index investierte, hat heute weniger als ein Drittel seines Geldes übrig. Mit anderen Worten: Japanische Aktiensparer erzielten in den vergangenen zwölf Jahren eine Gesamtrendite von minus 70 Prozent! Das ist nicht gerade das, was man sich unter einem risikolosen Langfristinvestment vorstellt.

Der bislang schlimmste Börsencrash ereignete sich 1929 in den USA. Damals brauchte der Dow-Jones-Index der wichtigsten US-Aktien fünfundzwanzig Jahre, um wieder auf sein altes Rekordniveau zu klettern. Wer mit Aktien seine Rente finanzieren will, kann wohl kaum so lange warten. Zugegeben, diese Beispiele sind Extremfälle. Aber auch in weniger spektakulären Marktphasen gingen die Börsen über Jahre und Jahrzehnte auf Tauchstation - wenn man die Inflation berücksichtigt. Und auf die inflationsbereinigten Erträge kommt es für Investoren an. Fazit Nummer zwei: Nicht nur in Einzelaktien, auch im Gesamtmarkt stecken erhebliche Langfristrisiken.

Das Gemeine an der Aktienanlage ist, dass ihr Risiko nach einem irrationalen Börsenboom besonders hoch ist. Das heißt, die Gefahr ist am größten, wenn die meisten Anleger - gewöhnt an stetig steigende Kurse - am wenigsten daran denken. Die schlimmsten Kurseinbrüche folgten stets auf eine wilde Übertreibung. Und heute stehen wir wieder mal vor den Trümmern einer solchen irrationalen Börseneuphorie.

Fazit Nummer drei: Die größte Gefahr für die Aktienmärkte ist übertriebene Euphorie. Und die scheint in längeren Abständen immer wieder aufzutauchen.

Andere große Feinde der Aktie sind Krieg, tiefe Wirtschaftskrisen und Inflation. Auch hier wird wohl kaum jemand behaupten, dass diese Faktoren für die Zukunft keine Rolle spielen.

Natürlich gibt es gute Argumente dafür, dass die Aktienkurse steigen sollten. Aber ebenso lassen sich gute Gegenargumente finden - zum Beispiel zur Hoffnung, dass zukünftige Mittelzuflüsse die Aktienmärkte immer höher treiben werden: Der Aktienpreis hängt letztlich ab von Nachfrage und Angebot. Und wenn die Nachfrage steigt, wird es nicht lange dauern, bis - angelockt durch höhere Kurse - auch das Angebot zunimmt. Nichts anderes geschah am Neuen Markt: Dort listeten immer mehr Unternehmen ihre Aktien, bis trotz des riesigen Kaufinteresses der Anleger das Angebot überhand nahm und die Kurse einbrachen.

Neben allen historischen Beispielen zeigt auch die Theorie, dass Aktien selbst langfristig riskanter sind als etwa Sparbriefe. In der Ökonomie existiert nur eine einzige Rechtfertigung dafür, dass Aktien im Schnitt höhere Erträge abwerfen - nämlich ihr Risiko. Dieses stellt für Anleger sozusagen einen Stressfaktor dar. Die höhere Durchschnittsrendite ist die Entschädigung dafür. Wären Aktien dagegen risikolos, dann würde kein vernünftiger Mensch mehr mager verzinste Sparbriefe kaufen. Dass die Sparbriefe noch nicht ausgestorben sind, spricht dafür, dass sie eben doch ein wenig mehr Sicherheit bieten als heiße High-Tech-Aktien.

Das sollte eigentlich auch den Aktionär freuen. Denn gerade weil er ein höheres Risiko eingeht, darf er zu Recht eine höhere Durchschnittsrendite erwarten. Nur: Sicher ist die eben nicht.

Stimmen Sie mit ab: Sind Aktien die beste Altersvorsorge?

Die Gegenposition vertritt Ulf Sommer in seinem Beitrag: "Immer mehr Geld drängt auf den Markt".

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