Aktie rustchte in den Keller
MLP unter Verdacht

Am Donnerstag vergangener Woche erlebte Bernhard Termühlen, Vorstandschef des Finanzdienstleisters MLP, ein frühmorgendliches Fiasko. Er war erst wenige Minuten im Büro, da markierte ein hässlicher, weit nach unten abfallender Strich auf seinem großen, in die Wand eingelassenen Multimediabildschirm den Handelsbeginn der MLP-Aktie. Innerhalb einer Viertelstunde war das Papier um mehr als zwölf Prozent in den Keller gerauscht - für einen Dax-Wert ein atemberaubender Verlust.

DÜSSELDORF. Der Auslöser: Das Anlegermagazin "Börse Online" hatte MLP schwere Bilanzmanipulation vorgeworfen. Obwohl Termühlen die Vorwürfe umgehend dementierte polterte die Aktie weiter nach unten. Am Freitag abend betrug das Minus im Vergleich zu Donnerstag früh mehr als 30 Prozent. Gerüchte um interne Streitigkeiten gaben dem Feuer um MLP neue Nahrung: So tuschelten Frankfurter Finanzkreise, Christian Strenger, der frühere Chef der Invesztmentgesellschaft DWS, habe sein Aufsichtsratsmandat bei MLP Anfang April nach einem Streit mit Termühlen über die Bilanz niedergelegt. Strenger allerdings dementierte sofort: "Ich distanziere mich mit Nachdruck davon, dass die Niederlegung meines Mandats in Zusammenhang mit dem MLP-Jahresabschluss gebracht wird."

Doch wo Rauch ist, da ist auch Feuer. So tickt nach Enron, Comroad und Co jedenfalls zur Zeit die Börse. Der Finanzdienstleister MLP ist seit seinem Wechsel in den Rennomierclub der Dax-Gesellschaften immer wieder Spielball der Finanzmärkte gewesen. Vor allem Analysten und Hedge-Fonds-Manager stürzten sich auf die sensible Aktie, die wegen ihrer hohen Bewertung sehr anfällig für schlechte Nachrichten ist. Der MLP-Vorstand glaubt mittlerweile sogar an "konzertierte Aktionen", weil andere Banken und Versicherungen immer wieder daran gescheitert seien, das Erfolgsmodell des unabhängigen Beratungsunternehmens zu kopieren. Im Kern geht es bei den aktuellen Vorwürfen darum, dass der Finanzdienstleister einen Teil seines Lebensversicherungsgeschäfts an Rückversicherer weiterreicht und dafür eine Prämie kassiert. So finanziert MLP die hohen Abschlussprovisionen für seine Makler. Später erhalten die Rückversicherer aus den abgeschlossenen Lebensversicherungen einen Teil der jährlich anfallenden Verwaltungskosten. Die Interpretation des Magazins: MLP hat so in den vergangenen Jahren Zahlungsverpflichtungen gegenüber den Rückversicherern von 150 Millionen Euro angehäuft, die nicht in der Bilanz ausgewiesen sind. Termühlen dagegen versichert, dass die Provisionen "abschließend vereinnahmt" seien und "nirgendwo ein Schuldenberg" existiere. Er wertet die jetzigen Vorwürfe vielmehr als Verschwörung Frankfurter und Londoner Adressen gegen sein Unternehmen.

Kein ganz neuer Verdacht:

Bereits im Sommer 2000 hatte MLP alle Bedingungen erfüllt um in den Dax aufzusteigen. Doch der Börsenausschuss, in dem Vertreter aller wichtigen Banken sitzen, lehnte ab. Die Begründung, der Kandidat erfülle die Bedingungen noch nicht lang genug, ließ schon damals bei externen Beobachtern die Vermutung aufkommen, hier blockiere die etablierte Community einen erfolgreichen Newcomer. "Es ist kein Geheimnis, dass MLP und die Banken eine langjährige Hass-Liebe verbindet", sagt ein auf Finanzwerte spezialisierter Fondsmanager. Auch der 23. Juli 2001 wurde für MLP kein Freudentag. Eigentlich sollte der schließlich doch noch erreichte Aufstieg in den Dax als endgültiger Durchbruch in die Analen eingehen. Doch bereits kurz nach dem Handelsstart war die Freude verflogen. Innerhalb weniger Minuten sackte die Aktie um elf Prozent ab. Am nächsten Tag rutschte sie noch einmal um 13 Prozent in den Keller. Gerüchte über Leerverkäufe und Aktienleihe machten auf dem Parkett die Runde und sorgten für Verunsicherung. Seit diesem Zeitpunkt geht es mit der Aktie bergab. Trotz der präsentierten Geschäftszahlen - im ersten Quartal 2002 stieg der Gewinn von MLP wieder um mehr als 32 Prozent - stürzte der Kurs von 132 Euro im Juli 2001 auf zuletzt 45 Euro am Dienstag dieser Woche ab. Der Dax-Aufsteiger muss sich nahezu jede Woche gegen neue Gerüchte zur Wehr setzen. Anfang Oktober - die MLP-Bank hatte gerade vom Einlagensicherungsfonds der Deutschen Banken ein A-Rating, die beste Note für Solidität und Zuverlässigkeit erhalten, da geisterte die Behauptung durch Frankfurts Bürotürme, die Bank hätte Liquiditätsprobleme. Der Verdacht stellte sich als ebenso unbegründet heraus, wie ein Gerücht, das wenige Tage später die Finanzwelt erneut in Schrecken versetzte: Der MLP-Chef sollte bei einem Unfall ums Leben gekommen sein. Termühlen allerdings saß putzmunter am Schreibtisch und versuchte mit einem sofortigen Dementi zu retten, was zu retten war - vergeblich. Eine Quelle der Gerüchte glaubt er inzwischen identifiziert zu haben: die britische Investmentgesellschaft Lansdowne Partners. Wichtigstes Produkt des Londoner Unternehmens ist der European Equity Fund. Ein Hedgefonds, mit dem das Unternehmen in erster Linie auf fallende Kurse spekuliert. Hierzu leihen sich die Fondsmanager Aktien bei anderen Investoren und verkaufen sie zum aktuellen Preis an der Börse. Anschließend hoffen Sie darauf, die Papiere später günstiger zurückkaufen zu können. Um dieses Ziel zu erreichen, ist vielen Spekulanten jedes Mittel recht: gezielt gestreute Gerüchte über Bilanzprobleme fallen an der Börse zur Zeit auf fruchtbaren Boden. MLP ist zudem ein geradezu perfektes Opfer. Durch die Mitgliedschaft in der ersten Börsen-Bundesliga steht das Unternehmen im Blickpunkt internationaler Anleger. Das Geschäftsmodell ist auf mehrere Töchter verteilt und so verschachtelt, dass nicht einmal Experten mehr durchblicken. "80 Prozent der Fondsmanager verstehen die Bilanz von MLP nicht", sagt ein Frankfurter Banker. "Wer die Aktie nicht im Depot haben muss, verzichtet darauf."

Die erste Bekanntschaft mit Lansdowne machte Termühlen am 14. August 2001. Zu einer Telefonkonferenz bei der er die Halbjahreszahlen des Konzerns erläutern wollte, meldete sich erstmals auch ein Kollege von Lansdowne an. Anstatt jedoch wie andere Teilnehmer das Zahlenwerk des Dax-Neulings sachlich zu analysieren, machte der Mann eine Stunde lang Stimmung gegen MLP. Die Bilanzen seien "aufgebläht", das Geschäftsmodell "undurchsichtig", die Zukunftsaussichten "äußerst zweifelhaft". "Der wollte nur schlechte Stimmung verbreiten", erinnert sich ein Teilnehmer. In den Wochen danach, verschärften die Briten ihre Bemühungen, MLP zu drücken. Kaum hatte ein Analyst eine positive Analyse veröffentlicht, rief ein Lansdowne-Mitarbeiter an und stellte die Studie in Frage. So hatte erst vor wenigen Wochen ein Mitarbeiter der Schweizer Großbank UBS untersucht, ob Bilanzmanipulationen wie beim US-Energieriesen Enron auch bei deutschen Unternehmen möglich wären. Sein Fazit: Nein, auch nicht bei MLP. Kurz nach der Veröffentlichung versuchte ihm ein Lansdowne-Mitarbeiter am Telefon klarzumachen, mit welchen bilanziellen Tricks MLP seine Bilanz aufblähe.

Die Briten sind nicht zimperlich.

Thierry Serero, Fondsmanager der Investmentgesellschaft Fidelity und einer der größten Investoren bei MLP, wurde selbst Opfer der Gerüchte. Als die Turbulenzen um den Heidelberger Konzern am Freitag vergangener Woche ihren Höhepunkt erreichten, kursierte in Londoner und Frankfurter Finanzkreisen die heiße Information, Fidelity werde in Kürze seine gesamten MLP-Aktien auf den Markt werfen. Alles Unsinn, konterte Fidelity, im Gegenteil, man kaufe bei diesen Kursen sogar noch zu. Serero dementierte umgehend und machte sich dann auf die Suche nach der Quelle der Falschinformation. Nach mehreren Telefonaten glaubt er zu wissen, woher die Behauptung kommt: Vom Mitarbeiter einer deutschen Bank. Aber: MLP tut zu wenig um das lädierte Image wieder herzustellen. Die Forderung nach einer Sonderprüfung durch einen unabhängigen Wirtschaftsprüfer lehnt Termühlen kategorisch ab. Stattdessen sollen auf der Hauptversammlung am 28. Mai Experten von KPMG und Deloitte Touche bestätigen, dass die Bilanzierungspraxis von MLP korrekt ist. In Frankfurt greift so manch ein Banker trotzdem bereits zum Taschenrechner. Fällt die Aktie weiter, müsste das Unternehmen vielleicht schon im September aufgrund einer zu niedrigen Börsenkapitalisierung den Dax wieder verlassen. Mit nur noch 3,8 Milliarden Euro liegt MLP bereits jetzt auf dem vorletzten Platz. "Wenn es dazu kommt," sagt ein Analyst, "dann knallen in den Frankfurter Bankentürmen die Champagnerkorken."

Von Christian Maertin, WirtschaftsWoche

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%