Aktie trotz Absturz immer noch teuer
Wende bei Ericsson nicht in Sicht

Neue Besen kehren gut. Und diese sind beim angeschlagenen schwedischen Telekommunikationskonzern Ericsson auch bitter nötig. Schließlich hält nur noch das Prinzip Hoffnung viele Millionen Aktionäre derzeit bei der Stange.

STOCKHOLM. Mit Carl-Henric Svanberg kam zwar ein neuer Chef, der den glücklosen Kurt Hellström ablöst und den Konzern wieder auf Vordermann bringen soll. Trotzdem werden die Aktionäre einen langen Atem benötigen. Daran ändert auch der Kursverfall der letzten zwei Jahre um 90 % nichts, der Ericsson-Papieren zuletzt oft das Prädikat "Schnäppchen" einbrachte. Denn die Telekom-Branche steckt weiter in der Krise, und mitten drin befindet sich der Weltmarktführer bei Mobilfunknetzen - Ericsson.

Fakt ist: So lang die Telekom-Konzerne nicht massiv in den Ausbau ihrer Netze investieren, werden die Ausrüster kleine Brötchen backen müssen. Allen voran der schwedische Konzern, der 80 % seines Umsatzes mit Mobilfunknetzen macht. Für den Rest steht das Handy-Joint Venture Sony Ericsson. Die Schweden haben inzwischen Konsequenzen gezogen: Arbeiteten vor drei Jahren noch fast 110 000 Menschen bei Ericsson, sollen es Ende 2003 noch knapp 60 000 sein.

Ericsson selbst versuchte vergangene Woche auf der Hauptversammlung Hoffnung zu verbreiten. Den anwesenden Aktionären wurde die tiefrote Bilanz 2002 in die Hand gedrückt, auf deren Titelseite zu lesen war: "2002 war ein schweres Jahr. Unsere Kunden kauften weniger Ausrüstung, der Konkurrenzdruck stieg, und der UMTS-Ausbau ging langsamer voran als erwartet. Der Markt ist schwer zu beurteilen. Viele Experten sehen kein Ende der Schwierigkeiten. Wir vertreten eine andere Auffassung."

So ganz scheint der Konzern von der angedeuteten, sich abzeichnenden Trendwende aber nicht überzeugt zu sein. Schaut man sich die komplette Bilanz 2002 an, die an die amerikanischen Aktionäre verschickt wurde, ergibt sich ein deutlich düsteres Zukunftsszenario. Da werden, um allen Eventualitäten und den damit verbundenen möglichen Schadensersatzklagen zuvor zu kommen, auf sechs Seiten 21 Risiken aufgelistet. Sie reichen vom eventuellen Todesstoß für die gesamte globale Telekom-Branche durch das mögliche Entdecken bislang unbekannter, stark gesundheitsschädigender Strahlung durch Mobilfunknetze und Handys bis hin zu den Gefahren, die mit der Stimmrechtsdominanz der beiden Haupteigner von Ericsson verbunden sein könnten. Ein falscher Beschluss von Investor und Industrivärden, die rund 80 % der Stimmrechte bei Ericsson, aber nur knapp 10 % des Kapitals besitzen, könnten den Konzern in Gefahr bringen.

Nun sind es viele, eher theoretische Risiken, die der Konzern auflistet, doch unbestritten bleibt, dass sich das Unternehmen weiterhin in finanziellen Schwierigkeiten befindet. Die Umsatzprognosen wurden ein ums andere Mal nach unten korrigiert, je Aktie wird in diesem Jahr nach der durchschnittlichen Prognose ein Verlust von 0,40 Kronen gemacht statt eines Gewinns von 3,70 Kronen, wie Analysten noch im Sommer 2002 geglaubt hatten. Die im vergangenen Jahr durchgeführte Neuemission im Volumen von 30 Mrd. Kronen hat mächtig am Vertrauen in den einstigen schwedischen Vorzeigekonzern gerüttelt.

Die neue Konzernleitung weist weiteren Finanzierungsbedarf zurück und gibt sich trotz negativem Cash-Flow und gesenkter Bonität vorsichtig optimistisch. Der ehemalige Konzernchef Hellström deutete in seiner Abschiedsrede an, dass es Zeichen für einen wieder belebten Investitionswillen einiger großer Telekom-Konzerne gebe. Tatsächlich sind die Kapazitäten der heutigen GSM-Mobilfunknetze bis an die Obergrenze ausgeschöpft. Die Betreiber müssen also, ob sie wollen oder nicht, auch die bestehenden Netze schnellstens aufrüsten, sonst laufen die Kunden weg. Ericsson macht immer noch 80 % des Netz-Umsatzes mit der heutigen GSM-Technik. Die Zukunft für Ericsson kann also im heutigen Standard liegen - allen farbenfrohen und schillernden Beschreibungen der neuen Mobilfunkgeneration UMTS zum Trotz. Denn bis zum kommerziellen Durchbruch von UMTS kann Ericsson nicht warten.

Helmut Steuer berichtet für das Handelsblatt aus Skandinavien. Regelmäßig ist er auch in der Ukraine unterwegs.
Helmut Steuer
Handelsblatt / Korrespondent
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