Aktie unter der Lupe
An Celanese scheiden sich die Geister

Nach einer rasanten Talfahrt seit Mai hat sich die Aktie des Chemiekonzern Celanese in dieser Woche ein wenig erholt. Celanese, das 1999 als Ausgliederung der Chemiebereiche von Höchst entstanden war, hatte am Montag Zahlen für das zweite Quartal vorgelegt - und dabei die eigenen Erwartungen und die der meisten Analysten übertroffen.

FRANKFURT/M. Zwar war das Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda) im Vergleich zum Vorjahr rückläufig, verglichen mit dem ersten Quartal wuchs es aber um zwei Prozent.

Für die weitere Entwicklung bei Celanese ist entscheidend, ob die Weltwirtschaft im zweiten Halbjahr anspringt. Weil die Hauptabnehmer des Kronberger Unternehmens aus den konjunkturabhängigen Branchen Automobil und Telekommunikation kommen, hängen die Erträge von Celanese ebenfalls an der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung. Oliver Günter, Analyst bei der Bankgesellschaft Berlin, glaubt sogar, dass "das Geschäft von Celanese so zyklisch wie bei keinem anderen börsennotierten Unternehmen in Europa ist". Er stuft die Aktie auf "Halten". Zwar habe Celanese im ersten Halbjahr von einer Erholung bei Margen und Preisen profitiert, insgesamt seien die Wachstumsmöglichkeiten im operativen Geschäft jedoch begrenzt. Weil die langfristigen Erträge bereits im Preis enthalten seien, sieht er für das Celanese-Papier nicht mehr viel Potenzial: "Der faire Wert liegt zwischen19 und 28 Euro - aber nur dann, wenn Celanese die Margen deutlich steigert."

Eine ganz andere Meinung vertritt Sven Dopke, Analyst bei M.M. Warburg: "Ich halte Celanese bei einem Preis von 19 Euro für stark unterbewertet." Er traut dem Papier in zwölf Monaten einen Sprung bis auf 37 Euro zu. "Die Aktie ist fundamental günstig", sagt Dopke und stört sich auch nicht am relativ hohen Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) von 20. "Ich schaue eher auf die kommenden Jahre. Für 2004 erwarte ich einen Gewinn von drei Euro pro Aktie, das ergäbe ein KGV unter sechs."

Große Hoffnung setzt Dopke auf den größten der fünf Geschäftsbereiche, die Acetylchemie, in der Basis- chemikalien für die verarbeitende Industrie hergestellt werden. Im zweiten Quartal habe dieser Sektor, der mehr als 40 Prozent des Konzernumsatzes beisteuert, "ein sehr starkes Ergebnis geliefert, weil Celanese auf Grund gestiegener Nachfrage in vielen Bereichen die Preise anheben konnte". Positiv habe sich auch der Sektor Acetate entwickelt. In Zukunft erwartet Dopke zudem, dass der Bereich Technische Kunststoffe wichtige Impulse für die Ertragsentwicklung liefern wird.

Während Oliver Günter von der Bankgesellschaft Berlin Celanese in den Kernbereichen starker Konkurrenz ausgesetzt sieht, hält M.M. Warburg-Analyst Dopke die Wettbewerbsposition des Unternehmens für ausgezeichnet: "Celanese ist in fast allen Arbeitsbereichen die Nummer eins oder zwei auf dem Markt." Dies sei beachtlich, weil das Unternehmen erst seit 1999 in der jetzigen Form bestehe. "Celanese hat sich sehr schnell entwickelt und hat heute eine ganz andere unternehmerische Struktur als am Anfang." Er empfiehlt Celanese als "Turn-Around-Kandidaten", er erwartet also bald hohe Gewinne. Oliver Günter hingegen spricht von einer "hochspekulativen Anlage". So konträr die beiden Analysten die Celanese-Aktie sehen, so geteilt sind auch die Meinungen ihrer Kollegen: Laut Informationsdienst Bloomberg gab es in den vergangenen zwölf Monaten 25 Analystenurteile zu Celanese, davon lauteten zwölf auf "Kaufen", neun auf "Halten" und vier auf "Verkaufen."

Ralf Drescher
Ralf Drescher
Handelsblatt.com / Teamleiter Finanzen (bis 29.2.2012)
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