Aktie unter der Lupe
AOL Time Warner profitiert von Matrix und Harry Potter

Die Unterhaltungssparte des Konzerns macht den starken Nutzerschwund beim Online-Angebot wett. Analysten sehen Land für die Aktie.

NEW YORK. Sind die magischen Kräfte des Zauberlehrlings Harry Potter stark genug, um den Nutzerschwund bei AOL zu besiegen? Die Analysten einiger großer US-Banken rechnen jedenfalls damit: Nach einem Bericht der Washington Post Anfang des Monats, wonach der bislang größte Onlineanbieter innerhalb von rund zehn Monaten mehr als eine Million Kunden verloren hat und ein Ende der Verluste nicht in Sicht ist, gerieten die Aktien von Mutterkonzern AOL Time Warner zwar kurzfristig unter Druck. Und auch Finanzchef Wayne Pace gab jüngst zu, dass die Zahl der Abonnenten stärker sinke als von dem Unternehmen selbst prognostiziert.

Doch inzwischen mehren sich die optimistischen Stimmen: Die Gewinne in der Time-Warner-Unterhaltungssparte sollten schlechtere Bilanzen in anderen Gebieten auffangen - allen voran die Kinofilme über Harry Potter, deren zweite Episode im April auf Video und DVD erschien, und der kürzlich angelaufene Science-Fiction-Streifen "Matrix Reloaded". "Wir erwarten, dass die Aktie dank Time Warner eine höhere Bewertung erreichen wird", sagt etwa Jeffrey Logsdon, Analyst bei Gerald Klauer Mattison. "Die meisten Abteilungen in diesem Bereich bringen im Wesentlichen gute Leistungen, und einige profitieren zudem von einem deutlich gesünderen Anzeigenklima." Logsdon hob daher jüngst sein Kursziel für die kommenden neun bis 15 Monate von 17 auf 19 Dollar an, was im Vergleich zum aktuellen Niveau eine Steigerung von fast 25 Prozent bedeuten würde. Sein Kollege Mark May von Kaufman Brothers rechnet sogar damit, dass der Erfolg von "Matrix Reloaded" es dem Unternehmen ermöglichen wird, einerseits die Markterwartungen für den Juni einzuhalten und andererseits die offizielle Geschäftsprognose für das Gesamtjahr 2003 anzuheben.

Zu den Erfolgen im Kinobereich kommen auch positive Entwicklungen beim Fernsehgeschäft: "Inmitten des industrieweiten Trends, die Produktionskosten zurückzufahren, hat Warner Brothers TV die Zahl der Neuproduktionen für die kommende Saison verdoppelt", sagt Wertpapierexpertin Jessica Cohen von Merrill Lynch. "Dadurch haben sie die führende Marktposition in diesem Bereich zurückerobert." JP-Morgan-Analyst Spencer Wang erhöhte unterdessen ebenfalls seine Gewinnschätzungen für das laufende und das kommende Jahr.

Allerdings sind nicht alle Analysten davon überzeugt, dass die Gesamtbilanz so positiv ausfallen wird. "AOL Time Warner ist zwar seinem Ziel einen bedeutenden Schritt näher gekommen, die Unternehmensbilanz zu verbessern, zum Beispiel durch den Verkauf von Anteilen am Fernsehsender Comedy Central", sagt Jessica Cohen, die die Aktie zurzeit neutral bewertet. "Aber die Erlöse werden durch die ausgehenden Zahlungen im Wesentlichen wieder aufgehoben." Auch SG-Cowen-Analyst Lowell Singer warnt: "Die AOL-Titel haben im Moment ein höheres Kurs-Gewinn-Verhältnis als die Aktien von Konkurrent Viacom. Wir sind jedoch der Meinung, dass Viacom hinsichtlich des operativen Ergebnisses und der Hebelkraft bei einer Werbemarkterholung besser dasteht und deshalb höher bewertet sein sollte als AOL."

Wie verhängnisvoll sich letztlich der Nutzerschwund in der AOL-Onlinesparte auswirken wird, darüber sind die Experten uneins. "Die Aktie bleibt unter Druck, weil sich in Zukunft immer weniger Kunden über Telefon und AOL ins Internet einwählen und das Unternehmen keine überzeugende Breitbandstrategie hat", sagt Lowell Singer. Er rät den Investoren vorläufig abzuwarten, bis die Probleme bei der Onlinesparte besser absehbar sind und die Abteilung sich besser präsentiert. Jeffrey Logsdon bewertet die Lage weniger dramatisch: "In den nächsten Jahren gehen die Zahlen hier vermutlich weiter zurück, aber im Verhältnis zum Zuwachs im gesamten Unternehmen betrachtet wird dieses Problem kleiner werden. Außerdem sollte ein bedeutender Teil des Rückgangs von Kunden kommen, die bisher sowieso subventioniert wurden oder gar keine Gebühren zahlen mussten."

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