Aktie unter der Lupe
AWD wächst auch in schlechten Zeiten

Für AWD sprechen aus Anlegersicht derzeit vor allem zwei Argumente: das Unternehmen wächst und es schreibt schwarze Zahlen. Beides ist in konjunkturtrüben Tagen keine Selbstverständlichkeit.

FRANKFURT/M. Vorstandschef Carsten Maschmeyer wirkte aufgeräumt und entspannt. Zur Halbjahresbilanz des Finanzdienstleisters AWD begrüßte er die Pressevertreter per Handschlag. Danach wichen er und Finanzvorstand Ralf Brammer keiner Frage aus. Die Schlagzeilen am nächsten Tag waren sachlich bis wohlwollend. Aber die Presse ist eine Sache, Analysten zu überzeugen eine andere.

Doch auch die Research-Spezialisten in den Banken fanden kaum ein Haar in der Suppe. Beim Finanznachrichtendienst Bloomberg überwiegen die Kauf- und Haltempfehlungen für den Titel. Die Kursziele laufen im Mittel auf rund 20 Euro hinaus. Und so ist es kaum verwunderlich, dass sich die Aktie von ihrem Tief bei 14,30 Euro Mitte August auf jetzt wieder 16,30 Euro nach oben gearbeitet hat. Das ist in Baisse-Zeiten wie diesen sicher eine Leistung. Allerdings relativiert sich die Freude, wenn man vom früheren Kursgipfel von gut 70 Euro in das Tal der Kurserholung blickt. Der MDax-Wert, der im Oktober 2000 im Amtlichen Handel zu 54 Euro gestartet war, leidet natürlich auch unter der Flaute in den Finanzbranche. Die Leute sitzen auf ihrem Geld, die Berater üben sich in "Bestandspflege".

Für AWD sprechen aus Anlegersicht derzeit vor allem zwei Argumente: das Unternehmen wächst und es schreibt schwarze Zahlen. Beides ist in konjunkturtrüben Tagen keine Selbstverständlichkeit. Im ersten Halbjahr nahm der Umsatz um zehn Prozent zu, das Vorsteuerergebnis stieg um 36,6 %. Die Analysten von Cheuvreux erwarten für 2002 einen Gewinn je Aktie von 1,18 Euro, im Jahr darauf dann 1,36 Euro. Nach einer fulminanten Einkaufstour, in deren Verlauf in Großbritannien zwei Finanzdienstleister und im Inland der Konkurrent Tecis geschluckt wurden, gönnt sich AWD eine Verschnaufpause. Das scheint vernünftig, denn internes Wachstum dürfte in den kommenden Jahren von der Börse vielleicht stärker honoriert werden als zugekauftes.

Das Geschäftsmodell von AWD basiert auf einer unabhängigen Beratung. Die jeweils besten Angebote aus der Welt der Fonds, Versicherungen und Sparprodukte sollen vermittelt werden. Das trifft den Zeitgeist, da sich viele Kunden in ihrer Sparkasse oder Hausbank fragen, ob die Auswahl nicht zu eingeschränkt ist. AWD ist aber auch ein Votum gegen den Herdentrieb. Denn die gesamte Finanzbranche macht Jagd auf die wohlhabenden Kunden. Die breite Masse der Anleger wird kaum thematisiert. Dabei kann man hier offenbar auch gut verdienen, wie die Hannoveraner zeigen.

Ganz unbefleckt ist aber auch die AWD-Aktie nicht. Dem Unternehmen hängen noch über 40 Klagen wegen angeblicher Falschberatung bezüglich des "Dreiländerfonds" an, einem geschlossenen Immobilienfonds aus den neunziger Jahren. In einem "Worst-Case-Szenario" wurde in der Analystenveranstaltung ein möglicher Schaden von 31,5 Mill. Euro beziffert; bei Rückstellungen von 79 Mill. Euro. Wirtschaftlich ist das Risiko also abgedeckt. Aber Analyst Thorsten Karbaum von WestLB Panmure glaubt zu Recht, dass die negativen Schlagzeilen dem AWD-Image noch rund ein Jahr lang anhängen werden. Anstatt in Revision zu gehen, sollte Maschmeyer vielleicht eher versuchen, die Sache geräuschloser aus der Welt zu schaffen.

Apropos Maschmeyer: Ähnlich wie auf Bernhard Termühlen bei MLP ist das Unternehmen ganz auf den Mann an der Spitze zugeschnitten. Ein Ersatzspieler mit gleicher Motivationsfähigkeit fehlt im Haus. Deshalb müssen die Anleger darauf vertrauen, dass Maschmeyer immer nur bei grün über den Zebrastreifen geht.

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