Aktie unter der Lupe
Bei Lion Bioscience ist Abwarten angesagt

Für die Aktie von Lion Bioscience haben Analysten momentan nur einen Namen: Zockerpapier. Verfehlte Prognosen, ein wenig überzeugendes Geschäftsmodell und der Sparzwang im Pharmasektor haben die Aktie des Bioinformatik-Spezialisten in den Keller gezogen.

FRANKFURT/M. Seit Jahresbeginn hat sie über 50 % ihres Wertes eingebüßt. Innerhalb der letzten zwölf Monate ist der Kurs sogar um 75 % gefallen. Noch deutlicher wird die Bezeichnung Zockerpapier bei der Langzeit-Betrachtung: Im September 2000 erreichte das Lion-Papier seinen Höchstpreis von 130 Euro. Nun wird es für 3 Euro gehandelt.

"Mit einem abgewandelten Geschäftsmodell versucht Lion Bioscience jetzt einen Turn-Around zu schaffen", sagt Stefanie Philipp, Analystin bei HSBC Trinkaus & Burkhardt. Ende 2002 hat Lion die Wirkstoffforschung aufgegeben und den Unternehmensbereich iD3 geschlossen, um sich rein auf Softwareentwicklung zu konzentrieren. Seitdem zähle Lion Bioscience eigentlich nicht mehr zur Biotech-, sondern zur IT-Branche, sagt Philipp.

Während das im TecDax notierte Unternehmen in der Vergangenheit individuelle IT-Lösungen für Pharmariesen wie Bayer und Schering angeboten hat, will es nun mit neuen Produkten standardisierte Lösungen für den breiten Markt anbieten. Kernprodukt ist die neue Integrationsplattform Lion Discovery Center. In ihr enthalten ist die bereits etablierte SRS-Technologie, eine Software zur Datenintegration, die zum Marktführer avancierte und die Lion bereits seit längerem als sein Kerngeschäft vertreibt. Die neuen Software-Applikationen "Lion Target Engine" und "Lion Lead Engine" werden Mitte des Jahres vorgestellt: Sie werden auf der Plattform Lion Discovery Center laufen und auf den Bedarf der Kunden abgestimmt

Philipp sieht jedoch eine grundlegende Manko in dem Konzept: Mit Bioinformatik agiere Lion im Researchbereich eines Kunden. "In diesem Feld hat jedes Unternehmen seine eigene Hexenküche", sagt Philipp. "Standardisierte Produkte könnten hier wenig Akzeptanz finden." Viele Pharmaunternehmen entwickeln die ihrem Bedarf entsprechend eigene Software. Die Analysten warten nun gespannt auf die Einführung der Produkte. Solange diese noch nicht auf dem Markt seien, sei das Unternehmen schwer einzuschätzen, sagt Philipp.

Vorstandschef Friedrich von Bohlen beabsichtigt, im vierten Quartal des Geschäftsjahres 2003/2004 die Gewinnschwelle zu erreichen. Bis dahin muss das Unternehmen weiter massiv sparen. Um die Organisation zu straffen, trennte sich Lion Bioscience vor wenigen Wochen von IT-Vorstand Reinhard Schneider. Nachdem es schon im vergangenen Jahr einen Wechsel in Vorstand und Aufsichtsrat gegeben habe, sei das Management nun professioneller aufgestellt, sagt Thomas Höger von der DZ Bank.

Frank Bürger, Analyst bei der WGZ-Bank, betont, dass eine Wende bei Lion ausschließlich über die Kostenseite möglich sei. "Eine signifikante Umsatzsteigerung bei anhaltendem Auftragsmangel in der IT-Branche ist derzeit kaum möglich", sagt Bürger. Wenn auf der Kostenseite nicht etwas geschehe, seien die Reserven in einem Jahr aufgebraucht, schätzt der Biotech-Analyst. Auch Stefanie Philipp äußert solche Bedenken: "Sie haben keinen langen Atem mehr. Vielleicht reicht es noch bis Mitte 2004." Höger schätzt den Liquiditätsbestand Ende März auf 51,6 Mill. Euro. In einem Jahr wird dieser auf 25 Mill. Euro gesunken sein, meint der Biotech-Experte.

Dass Lion Bioscience durch Insolvenz vom Markt verschwinden könnte, hält Bürger für unwahrscheinlich. Vielmehr sind sich die Analysten einig, dass der Bioinformatiker ein potenzieller Übernahmekandidat für Softwarekonzerne wie IBM sein könnte. Momentan empfehlen sie daher abzuwarten.

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