AKTIE UNTER DER LUPE
Comdirect sucht nach einem Weg aus dem tiefen Kurstal

Nach einer monatelangen Talfahrt konnte sich der Kurs der Comdirect Bank heute wieder etwas erholen. Doch den Weg aus dem Kurstal kann auch der neue Vorstand für das Investment Banking nicht allein weisen. Strukturelle und hausgemachte Probleme belasten den deutschen Marktführer.

FRANKFURT/M. André Carls wird sich über den gestrigen Tag gefreut haben. Kaum wurde sein Wechsel von der Commerzbank in den Vorstand der Comdirect Bank AG bekannt, stieg die Aktie des Direktbrokers. Bis zum Nachmittag hatte der Kurs des zuletzt arg gerupften Papiers um mehr als 5 % zugelegt. Das Zwischenhoch dürfte aber eher an der guten Marktlage, als an der Berufung des Leiters für das neue Geschäftsfeld Investment Banking gelegen haben. Klar ist aber auch: Die Comdirect braucht neue Impulse. Die Aktie notiert weit unter dem Emissionspreis von 31 Euro.

Die Schwäche eines der deutschen Marktführer begann damit, dass die Comdirect im vergangenen Quartal bei den Kundenzahlen mit Abstand den schwächsten Zuwachs der großen Drei im deutschen Online-Brokerage (außer ihr noch Consors und Direkt Anlage Bank) aufwies. Dass die schwache Börsenlage auf die Ergebnisse abfärbt, war zwar klar. Doch die nach Anzahl der Depots nur halb so große Direkt Anlage Bank gewann im gleichen Quartal fast doppelt so viele Neukunden wie die Comdirect.

Nicht in den Top-Ten platziert

Plötzlich schaute man auf andere Gebiete und stellte fest, dass die Comdirect auch dort schwächelt. So konnte sie sich bei ihrer Auslandsexpansion bislang nicht durchsetzen. In Frankreich ist das Institut mit 2000 Kunden weit von den Top-Ten des Landes entfernt. In Großbritannien arbeitet man wegen des heftigen Preiskampfes wohl noch länger unprofitabel.

Und es fiel auf, dass die jüngsten Meldungen um den Direktbroker oft mit Sätzen wie "Auch die Comdirect startet..." beginnen. So verkündeten die Quickborner erst eine Kooperation im Versicherungsgeschäft, nachdem die Direkt Anlage Bank und Consors wenige Tage vorher ihre Angebote präsentiert hatten. Und eine Woche nach Consors erklärte auch Comdirect-Chef Bernt Weber, sein Institut wolle in das Online-Investmentbanking einsteigen. Dass man sich auf ein gemeinsames Projekt mit Consors zum Aufbau einer Handelsplattform für Privatanleger nicht einigen konnte und - später - seinen eigenen Weg ankündigte, passt ins Bild.

Wo liegt der Kern des Problems? Die Comdirect hängt zu stark an ihrer Mutter Commerzbank. Deren Vorstandssprecher Kohlhaussen nutzte den Broker zwar fleißig als Manövriermasse und soll die Comdirect im Falle feindlicher Übernahmeversuche sogar seinen europäischen Partnern versprochen haben. Über die strategische Bedeutung vergaß er aber die Weiterentwicklung des Hauses, und nicht nur das: Im Mai platzte Kohlhaussen mit "Commerz Net Business" (CNB) mitten in den Börsengang der eigenen Tochter. Mit der CNB, so verkündete der heute 65-Jährige damals, werden alle Internet-Aktivitäten der Bank gebündelt. "Comport.de" werde das virtuelle Portal schlechthin. Hauptgegner: Die hauseigene Comdirect.

Radikaler Schnitt lange geplant und voll berücksichtigt

Die Comdirect kann selbständig arbeiten, schallt es kritischen Fragern aus der Frankfurter Zentrale entgegen. Und keine Frage, auch das Haus selbst hat Fehler gemacht. So bemängeln Beobachter ein fehlendes Marketing-Konzept. Während sich Consors als Anbieter für Aktive positioniert und die Direkt Anlage Bank vornehmlich Fondskunden anspricht, weiß niemand, wofür die Comdirect steht.

Deutlich wird das auch bei dem als große Innovation angekündigten neuen Preismodell. Die Comdirect verkaufte den radikalen Schnitt im Oktober als lange geplant und "in den Business-Plänen voll berücksichtigt". Wenig später sagte Comdirect-Chef Bernt Weber aber der Börsen-Zeitung, er habe sich für das neue Preismodell entschieden, weil potenziellen Kunden die Comdirect offenbar zu teuer erschien. Marktbeobachter bewerten die "geplante" Offensive deshalb als reine Panik-Attacke. Ein Banker: "Nun gehen sie schon mit Kampfpreisen an ihre eigenen Margen ran."

Weil auch die Kooperation mit T-Online nur auf dem Papier besteht, braucht die Comdirect neue Impulse dringender denn je. Sollten die nach dem Antritt des neuen Commerzbank-Sprechers Klaus-Peter Müller ausbleiben und sollte der Kurs weiter fallen, können sich Beobachter sogar vorstellen, dass die Mutter ihre Perle verkauft - damit sie nicht noch weiter verkratzt.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%