Aktie unter der Lupe
Credit Lyonnais profitiert von Kaufgerüchten

Die Aktie der 1999 privatisierten Bank Crédit Lyonnais (CL) gehört zu den Glückskindern der Pariser Börse. Das Papier hat seit Jahresbeginn gegen den Trend ein Viertel an Wert gewonnen.

PARIS. Der Kursgewinn erklärt sich wesentlich aus der Übernahmespekulation, die das Institut seit seinem Börsengang vor drei Jahren begleiten. Zudem hat das Management im vergangenen Jahr gute Zahlen vorgelegt. Anleger könnten von den Spekulationen profitieren. Im Sommer endet die zweite Frist eines Aktionärspakts, mit dem der Staat versucht hat, die Zukunft der mit umgerechnet knapp 30 Mrd. Euro Steuergeldern sanierten Bank zu sichern.

Bis Juli 2001 war es den Kernaktionären Crédit Agricole, AGF (Allianz-Gruppe), Axa, Commerzbank, Banca Intesa und BBVA verboten, ihre Aktienpakete zu veräußern. Danach genossen die genannten Anteilseigner ein Vorkaufsrecht, das eine ähnliche Wirkung hatte. Vom kommenden Juli an können die Kernaktionäre mit ihren Paketen jedoch frei disponieren.

Zudem ist es nach dem unerwarteten Rechtsruck bei den französischen Wahlen wenig wahrscheinlich, dass der Staat sein restliches Aktienpaket von 9,6 % behält. Wer zum Zuge kommt, steht jedoch in den Sternen. Nachdem die Allianz-Gruppe im Aktionärskreis mit der bis dato dominierenden Crédit Agricole fast gleich gezogen hat, könnte die Restprivatisierung den Charakter einer Versteigerung annehmen und eventuell sogar in eine komplette Übernahme der mit 16 Mrd. Euro bewerteten Bank münden. So hat die Cash-starke Kommunalfinanzierungsbank Dexia vor einigen Wochen Interesse geäußert, sich mit einer Filialbank zusammenzuschließen. Der Commerzbank und der Société Générale wird ebenfalls Kauflust nachgesagt.

Der Pferdefuß: CL gilt im Filialgeschäft als nicht besonders rentabel. Jeder Käufer würde mit einem Einstieg also seine Ertragskraft verwässern. Morgan Stanley erwartet allerdings, dass CL im laufenden und im kommenden Jahr seine Gewinne deutlich steigern kann. Der Allianz-Gruppe wäre eine Übernahme finanziell sicherlich zuzutrauen. Aber der Versicherer hat wohl vor allem Interesse daran, sich die Bank als Vertriebsweg zu erhalten. Das gleiche gilt für den Wettbewerber Axa. So bleibt die Finanzgruppe Crédit Agricole der wahrscheinlichste Aufkäufer von Crédit Lyonnais. Das Pariser Anlegerblatt "Journal de Finance" hat errechnet, dass die vor allem im ländlichen Bereich verankerte Bank am meisten von einer Übernahme profitieren würde.

Trotz der Übernahmephantasie, die dieses Karusell auslöst, sehen die meisten Experten die CL-Aktie derzeit kritisch. Die Bankanalysten der Deutschen Bank meinen etwa, die Synergien, die eine Fusion ergeben könnten, seien in dem Kurs der Aktie schon eingepreist. Zudem werde das Papier jetzt schon mit einer Prämie auf den europäischen, vor allem den französischen Bankensektor gehandelt. So raten die Analysten der Deutschen Bank sogar dazu, über einen Tausch von Crédit-Lyonnais-Positionen gegen BNP-Paribas-Aktien nachzudenken.
Ein Eigentümerwechsel bei CL könnte sich auch deshalb positiv auswirken, weil es ein schwelendes Führungsproblem lösen würde. Die Bank und ihr Vorstandschef Jean Peyrelevade sind in Kalifornien in ein Gerichtsverfahren verwickelt. Wie Experten der Investmentbank Goldman Sachs neulich bemerkten, könnte das die Bank ihre US-Lizenz kosten.
Vieles spricht dafür, dass die klageführenden kalifornischen Finanzaufsichtsbehörden und die US-Gerichte das Interesse an dem Fall verlören, wenn Peyrelevade geopfert würde. Ein Käufer der Bank würde wohl kaum zögern, diesen Schritt zu gehen. Bislang spielte der politikerfahrenen Bankier die bisherigen Aktionäre stets gegeneinander aus.

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